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Archive for 6. November 2011

Schon vor der Geburt, im letzten Schwangerschaftsdrittel, prägen sich menschliche Kinder die Sprachmelodie ihrer Muttersprache ein. Das zeigt eine neuere Studie von Wissenschaftlern an der Universität Würzburg („Newborns’ cry melody is shaped by their native language“. Birgit Mampe, Angela D. Friederici, Anne Christophe, Kathleen Wermke). Durch die Aufnahme von Klangspektren konnte direkt nach der Geburt bei schreienden französischen und deutschen Säuglingen die Klangfarbe und Sprachmelodie der jeweiligen Muttersprache nachgewiesen werden. Französische Neugeborene zeigen eher Schreie mit  ansteigenden, immer höher klingenden Tonfolgen und  deutsche Neugeborene dagegen eher  solche mit absteigenden, immer tiefer klingenden Tonfolgen.

Das Klangspektrum bei schreienden französischen und deutschen Neugeborenen unterscheidet sich deutlich. Quelle: Current Biology

Hören Säuglinge Sätze in ihrer eigenen Muttersprache, so verstehen sie natürlich noch nicht den sachlichen Inhalt, aber sehr wohl die emotionale Botschaft. Bei einer fremden Sprache gelingt ihnen das nicht. Darüber hinaus erkennen sie unter vielen die Stimme ihrer Mutter wieder. Eine vorgeburtliche Prägung auf die Stimme der Mutter wurde auch schon bei einigen Vogelarten nachgewiesen.

Die moderne Sprachforschung (Linguistik) geht davon aus, daß die Beherrschung der Muttersprache eine entscheidende Voraussetzung für das Erlernen weiterer Fremdsprachen ist. Diese aus praktischen Erfahrungen gewonnene Einsicht gewinnt durch den Nachweis einer vorgeburtlichen Prägung des Menschen auf seine Muttersprache zusätzlich an Plausibilität.

Die Linguistin Zerrin Konyalioglu-Busch aus Hamburg hat eine Methode des Sprachelernens entwickelt, welche sich die entscheidende Rolle der Muttersprache als Ausgangsbasis für das Erlernen weiterer Sprachen zunutze macht. Bei der Sprachförderung von Schülern aus türkischen Familien in Deutschland konnten damit schon bemerkenswerte Erfolge erzielt werden.

Die Linguistin Zerrin Konyalioglu-Busch entwickelte ein Verfahren zur Sprachförderung, das auf der Erkenntnis der entscheidenden Rolle der Muttersprache basiert. Sie hat dazu ein Lehrbuch veröffentlicht: Deutsch als Zweitsprache – Türkische Schüler systematisch fördern .

Wenn die Eltern Türkisch sprechen, aber nicht so gut Deutsch, dann ist es besser, wenn die Kinder zuerst die türkische Muttersprache sicher beherrschen, um danach umso leichter Deutsch als Zweitsprache zu erlernen! Die von vielen Politikern immer wieder gestellte Forderung, daß Deutsch  für in Deutschland geborene Kinder ausländischer Herkunft immer die Erstsprache zu sein hat ist also offensichtlich kontraproduktiv! Ein Projekt, das Lehrer mit der neuen Lehrmethode von Zerrin Konyalioglu-Busch vertraut machen soll, wird inzwischen vom deutschen Staat finanziell gefördert!

Jens Christian Heuer

Quelle: Current Biology

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