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Archive for the ‘Psychologie’ Category

Ein Wissenschaftlerteam von der britischen Universität Exeter und der deutschen Universität Hamburg hat bei Zebrafinken untersucht inwieweit Persönlichkeitsmerkmale genetisch vererbt oder von den Eltern erlernt werden (Environmental transmission of a personality trait: foster parent exploration behaviour predicts offspring exploration behaviour in zebra finches, biology letters, Mai 2013).

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Zebrafinken Quelle: Wikimedia (Liza Gross)

In der Untersuchung ging es konkret um das Neugierverhalten in fremder Umgebung, ein durch Beobachtung bestimmbares Charaktermerkmal. Die Vögel wurden in zwei Gruppen unterteilt: Die eher neugierigen Vögel schauen sich in einer neuen unbekannten Umgebung alles an, die eher ängstlichen Vögel wagen es dagegen kaum sich umzusehen. 
Beide Gruppen liess man brüten. Der Nachwuchs lebte entweder bei den eigenen biologischen Eltern oder wurde von Elterntieren der jeweils anderen Gruppe adoptiert (Überkreuz- Adoptions-Experiment). Anschließend wurden die Übereinstimmungen im Neugierverhalten verglichen. Dabei zeigte sich beim Nachwuchs überraschenderweise eine deutlich größere Ähnlichkeit im Verhalten mit den Adoptiveltern als mit den biologischen Eltern. Das Persönlichkeitsmerkmal Neugierverhalten wird bei Zebrafinken also nicht genetisch vererbt sondern über die Erfahrungen mit den Eltern erlernt.

Zur Kontrolle der Untersuchungsmethode wurde bei den Zebrafinken auch noch das körperliche Merkmal Größe überprüft. Hier gab es eine hohe Übereinstimmung mit den biologischen Eltern. Die Erblichkeit war also wie erwartet sehr hoch.

Diese Untersuchung hat auch eine erhebliche Bedeutung für die Einschätzung der Persönlichkeitsentwicklung beim Menschen!

Jens Christian Heuer

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Im Jahre 1976 veröffentlichte der US-amerikanische Psychologieprofessor Julian Jaynes (1920-1997) ein Buch mit einem kompliziert klingenden Titel (The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind, deutsch: Der Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch  der Bikameralen  Psyche) und einer faszinierenden Theorie über die Ursprünge des menschlichen Bewußtseins. Danach ist das Bewußtsein, so wie wir es kennen, noch eine relativ neue, kulturelle  Errungenschaft des Menschen und nicht das Ergebnis einer allmählichen Höherentwicklung des Gehirns seiner Vorfahren im Rahmen der Darwinschen Evolution, wie allgemein angenommen! Bewußtsein gibt es nach Jaynes nur durch die Sprache. Diese besteht wiederum vor allem aus Metaphern, also bildhaften Ausdrücken. Unbekanntes wird mit einer Metapher entsprechend seiner Ähnlichkeit mit schon Bekanntem benannt. Die Begriffsbildung erfasst immer Gegenstände der Umgebung, schreitet dabei aber auch vom konkreten Gegenstand zum abstrakten Gegenstand fort. Das Bewußtsen beginnt in dem Moment wo die Metaphern einen inneren geistigen Erlebnisraum bilden, ein Modell der äußeren Umwelt und der eigenen Person. In diesem Erlebnisraum kann man sich frei bewegen, in die Vergangenheit (bewußte Erinnerung) und in die Zukunft (Durchspielen möglicher Handlungsalternativen, planerisches Denken).

Quelle: Julian Jaynes Society (verändert)

Noch vor 3 bis 4000 Jahren konnten die Menschen zwar genauso fühlen, lernen und denken wie heute, aber  alles geschah unbewußt. Die Menschen hatten kein Selbstbewußtsein, so wie wir es heute kennen! Das erscheint erst einmal unvorstellbar und doch sprechen viele historische Befunde dafür.

In alten Texten aus dieser Zeit, zum Beispiel der Illias, der Dichtung über den Trojanischen Krieg, findet man keine Menschen, die eigene  Empfindungen ausdrücken, selbstständig Ideen entwickeln, ihre eigenen  Entscheidungen fällen und vorher bewußt darüber nachdenken. Kurz gesagt, es fehlt sehr viel von dem, was gemeinhin die Persönlichkeit eines Menschen von heute ausmacht. Stattdessen wirken die Menschen seltsam fremdbestimmt. Was immer sie zu tun und zu lassen haben, das sagen ihnen die Götter, im täglichen Leben, vor allem aber dann, wenn etwas Unerwartetes passiert, wenn es untereinander Konflikte gibt und irgendwelche persönlichen Entscheidungen anstehen. In solchen Situationen, die immer mit einem gewissen Streß verbunden sind, sprechen die Götter zu den Menschen und manchmal erscheinen sie auch vor ihren Augen. Und was die Götter sagen, das wird ohne zu zögern befolgt. Zweifel oder gar Ungehorsam, das ist praktisch undenkbar.

In der Illias erscheint den handelnden Personen (fast) immer einer der Götter, wenn es eine brenzlige Situation gibt. Ein Beispiel: Während der Belagerung Trojas unternehmen die Griechen immer wieder ausgedehnte Beutezüge in das Hinterland der Stadt. Dabei erbeutet Agamemnon, der Heerführer der   Griechen Chryseis, die Tochter  eines Priesters des Gottes Apollon. Der erzürnte Gott fordert sie von Agamemnon zurück. Dieser will  Ersatz und holt sich einfach  Briseis, die Liebligssklavin des Fürsten Achilles aus dessen Zelt.  Dieser will das nicht hinnehmen, erzürnt heftig und macht Anstalten Agamemnon zu töten. In diesem Moment erscheint ihm die Göttin Athene – nur Achilles kann sie sehen und hören –  und hält ihn davon ab. Abbildung: Reclam-Ausgabe der Illias von Homer, Übersetzung Roland Hampe (1979), Seiten 8 und 9.

Die Menschen hatten eine Bikamerale Psyche, wie Jaynes das nennt. Ihr Geist war zweigeteilt. Die Götter hatten ihren Sitz in der rechten Hirnhälfte genau gegenüber der Wernicke-Region, die zu den Sprachzentren in der linken Gehirnhälfte gehört. Ihre Botschaften und Befehle schickten sie in Form von akustischen (Stimmen), manchmal auch visuellen (Erscheinungen)Halluzinationen über eine der Komissurenbahnen (Comissura anterior zwischen den Temporallappen), welche die beiden Hirnhälften verbinden. Diese Halluzinationen waren für die bikameralem Menschen vollkommen real, denn sie konnten nicht zwischen äußeren und inneren Wahrnehmungen unterscheiden. Auf beide reagierten sie gleichermaßen.

Bikamerale Menschen hatten keinen eigenen Willen in unserem Sinne. Ihr Tun wurde stattdessen durch halluzinierte Götter gelenkt, die ihren Ursprung in der rechten Gehirnhälfte hatten. Quelle: Modelle des Menschen, Beltz-Verlag (1981)

Die Götter entstanden aus einer Verschmelzung von Erinnerungen an Eltern, Erzieher und ranghöhere Personen, egal ob diese noch lebten oder bereits verstorben waren. In allen wichtigen und kritischen Situationen, bei Gefahren, bei Konflikten untereinander, aber auch wenn es um Planungs- und Organisationsfragen ging, also immer wenn es um Entscheidungen ging, dann meldeten sich die Götter aus der rechten Gehirnhälfte und halfen weiter.

Die direkte Vorstufe aller Religionen und ihrer Götter war der Ahnenkult. Die Verehrung galt den Geistern verstorbener Mitglieder der Familie (Eltern, Großeltern) und wichtigen, höhergestellten Persönlichkeiten des Stammes (Häuptlinge und Medizinmänner) und als später die (Stadt)staaten aufkamen, den Königen und Priestern. Die Geister der verstorbenen Ahnen wurden dann im Laufe der Zeit zu Göttern.  Als Unterstützung der Erinnerung und als Auslöser von Halluzinationen dienten Bildnisse und Statuen.

Die Bikamerale Psyche kam durch eine Veränderung in der Gehirnorganisation des Menschen zustande und war eine Antwort auf die Probleme infolge des Zusammenschlusses familiärer Kleingruppen zu größeren Gruppen. Zunächst waren das  Stämme, später dann Städte und Staaten, welche so groß waren, daß sich die Individuen bei weitem nicht mehr alle persönlich kannten. Deshalb reichten die Einflußmöglichkeiten der Anführer über den rein persönlichen Kontakt nicht mehr aus. Die Führung und Koordination der Gruppe und die Beilegung von Streitigkeiten untereinander übernahmen von nun an die Götter in der rechten Gehirnhälfte eines jeden Menschen.

Codex Hammurabi: Der assyrische König Hammurabi (links) empfängt die Gesetze von einem Gott.  Der um 1700 v.Chr. vefasste Codex ist eine der ältesten Gesetzeswerke der Menschheitsgeschichte. Die Menschen haben zu dieser Zeit eine bikamerale Psyche. Sie halluzinieren Götter, die alle Entscheidungen für sie treffen und so das gesamte gesellschaftliche Leben lenken. Die Götter sprechen zu dem Menschen (akustische Halluzinationen) und gelegentlich zeigen sie sich ihnen auch (visuelle Halluzinationen).  Quelle: Wikipedia.

Das menschliche Bewußtsein im modernen Sinne entstand erst vor rund 3000 Jahren  als Folge großer Völkerwanderungen. Dabei trafen Menschen aus unterschiedlichen bikameralen Gesellschaften aufeinander, jeder mit seinen eigenen Göttern. Auslöser für die Völkerwanderungen war vor allem der verheerende Vulkanausbruch auf der Insel Santorin im Mittelmeer um 1400 v. Chr, der die ganze Insel sprengte und einen gewaltigen Tsunami auslöste. Santorin war neben Kreta eines der beiden Zentren der das östliche Mittelmeer beherrschenden, hochentwickelten Minoischen Kultur, deren Schicksal damit besiegelt war. Die Auswirkungen der Katastrophe gingen aber weit darüber hinaus. Die Vulkanasche verdunkelte überall den Himmel. Es wurde über Jahre deutlich kälter, es gab Mißernten und Hungersnöte. Der Tsunami zerstörte weite Küstenabschnitte des Mittelmeeres. Die überlebenden Menschen verliessen ihre zerstörten Städte auf der verzweifelten Suche nach einer neuen Heimat. Die Götter waren mit diesem  allgemeinen Chaos, in dem Menschen unterschiedlicher bikameraler Gesellschaften (mit jeweils verschiedenen Göttern!) durcheinandergewürfelt wurden  völlig überfordert. Den Göttern verschlug es die Sprache! Die Bikamerale Psyche brach zusammen und machte dem Bewußtsein  Platz! Die lange nach der Illias verfasste Odyssee handelt von diesen neuen bewußten Menschen, vor allem in der Person des listenreichen, pläneschmiedenen, alle seine Entscheidungen selbst fällenden Odysseus.   

500 Jahre später: Der assyrische König Tukulti-Ninurta nähert sich dem göttlichen Thron. Doch der ist leer. Die Götter schweigen. Die bikamerale Psyche des Menschen ist zusammengebrochen.  Das Bewußtsein ist erwacht. Quelle: http://www.historywiz.com/

Überall gibt es kulturelle Zeugnisse dieses Übergangs, zum Beispiel bei den Assyrern. Der berühmte König  Hammurabi (um 1700 v.Chr.) war noch bikameral. Seine berühmten Gesetzestafeln, der Codex Hammurabi nahm er  direkt von einem Gott entgegen. Sie waren nicht sein Werk. 500 Jahre später war der assyrische König Tukulti-Ninurta ganz allein auf sich gestellt. Der Thron des Gottes war leer als er sich ihm näherte. Er mußte sich auf seine neuerworbene Fähigkeit des bewußten Denkens verlassen.

Der Schritt vom bikameralen zum bewußten Geist und persönlicher Freiheit war groß. Den plötzlich ihrer Selbst bewußten Menschen fehlte die so vertraute Gegenwart der Götter, die ihnen immer gesagt hatten, was zu tun war. Viele Menschen fühlten sich oft hilflos und verlassen und versuchten zu verstehen, warum es so gekommen war. Hatten sie  ihre Götter irgendwie verärgert, ihnen nicht immer gehorcht? Gedanken wie sie auch Kinder haben, die von ihren Eltern verlassen wurden oder das zumindest fürchten müssen. Verzweifelt versuchte man die Götter mit Gebeten, Opfergaben und Unterwerfung gegenüber günstig zu stimmen. Darum drehen sich (fast) alle Religionen bis heute und das ist auch der Grund dafür, warum sie  eine oft geradezu verhängnisvolle Gehorsamsbereitschaft befördern. Durch spezielle Techniken der inneren Versenkung, welche die bewußte Wahrnehmung abschwächen, manchmal auch direkt durch berauschende Drogen versuchten die Menschen die Götter wieder zum Sprechen zu bewegen.  Mit einiger Übung gelang das auch manchmal. Auch in Träumen erschienen die Götter. Einige Auserwählte hatten auch noch ab und zu spontane Halluzinationen. Sie berichteten den anderen Menschen von ihren Begegnungen mit den Göttern und dem was diese den Menschen zu sagen hatten und galten fortan als Propheten. Ihre schriftlichen Zeugnisse  findet man in den Heiligen Büchern der Religionen.

Mohammed, der berühmteste aller Propheten, empfing durch den Engel Gabriel Offenbarungen direkt vom Gott Allah und begründete später mit dem Islam die jüngste der großen Weltreligionen. (Abbildung aus einer persischen Chronik von 1307). Erlebte Mohammed eine episodische Wiederkehr der Bikameralen Psyche!? Quelle: Wikipedia

Auch jenseits der klassischen Religionen gibt es ein Wiederaufleben der untergegangenen Bikamerale Psyche, zum Beispiel bei Kindern. Diese haben häufig sogenannte Fantasiefreunde. Diese existieren nur in der Gedankenwelt des Kindes, erscheinen ihm aber sehr real. Das können Kinder wie sie sein, Tiere, Geister oder irgendwelche anderen Figuren. Fantasiefreunde begleiten das Kind oft über Jahre und helfen ihm, indem sie Mut machen,  Trost spenden, bei Entscheidungen beraten, als Beschützer auftreten oder einfach mit Reden und Spielen die Langeweile vertreiben. Sie haben damit die Eigenschaften eines freundlichen Gottes!

Neuere Befunde aus der Gehirnforschung stützen ebenfalls die Theorie von Jaynes. Dieser hatte immer wieder darauf hingewiesen, daß der Geist Schizophrener dem der bikameralen Menschen sehr stark ähnelt. Werden Schizophrene nicht mit antipsychotisch wirksamen Neuroleptika behandelt, so erleben sie in Streßsituationen Halluzinationen wie seinerzeit der bikamerale Mensch. Bei akustischen Halluzinationen konnte nachgewiesen werden, daß zunächst der rechte Temporallappen (der Sitz der Götter im bikameralen Geist!) aktiviert wird und erst danach der linke Temporallappen (Activation of bilateral auditory cortex during verbal hallucinations in a child with schizophrenia, R. Jardri, D. Pins, C. Delmaire, J-L Goeb and P.Thomas, Molecular Psychiatry 2007)!  Genau das hatte Julian Jaynes schon vor über 30 Jahren vorhergesagt.

Jens Christian Heuer

Quelle: Der Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche, Julian Jaynes. Rowohlt 1988 (auch online unter dem Titel Der Ursprung des Bewußtseins); Homer Illias, RECLAM (1979)

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Lloyd de Mause (geb. 1931) Quelle: Wikipedia

Schon bei intelligenten Tieren bestimmen die Kindheitserfahrungen Charakter und Verhalten. Das konnte der  Verhaltensforscher Darius Maestripieri an der Universität von Chicago in einem besonders eindrucksvollen Experiment beweisen (Dario Maestripieri: „Early experience affects the intergenerational transmission of infant abuse in rhesus monkeys“; http://www.pnas.org/). Der Wissenschaftler untersuchte bei Rhesusaffen inwieweit und wieso in manchen Affenfamilien Gewalt herrscht und von Generation zu Generation weitergegeben wird in anderen aber nicht. Rhesusaffen-Mütter in gewalttätigen Familien mißhandeln ihre Kinder während der ersten Lebensmonate. Sie beißen und schlagen sie, zerren sie grob am Schwanz oder an einem Bein und werfen sie durch die Luft, als Bestrafung oder einfach nur so. Maestripieri wollte nun wissen, ob dieses Verhalten in den gewalttätigen Affenfamilien weitervererbt oder in der Kindheit jeweils neu erlernt und so von Generation zu Generation weitergegeben wird. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf den Menschen ziehen, wo es ja auch Familien mit und ohne eine Tradition der Gewalttätigkeit gibt. Um diese Frage zu klären, nahmen sie neugeborene Affenbabys ihren Müttern weg und ließen sie von Adoptivmüttern großziehen. Kinder friedlicher Mütter kamen zu gewalttätigen Adoptivmüttern und Kinder gewalttätiger Mütter zu friedlichen Adoptivmüttern. Deutlich über die Hälfte aller Kinder friedlicher Mütter, die bei gewalttätigen Müttern aufwuchsen, mißhandelten später ihre eigenen Kinder. Eine beachtliche Minderheit tat das aber nicht, trotz der in ihrer Kindheit erfahrenen Mißhandlungen! Von den Kindern gewalttätiger Mütter, die bei friedlichen Adoptivmüttern groß wurden, mißhandelte jedoch kein einziges als erwachsenes Tier seine Kinder! Gewalttätiges Verhalten wird also nicht  vererbt, sondern in der Kindheit erlernt! Warum mißhandelten aber nicht alle Rhesusaffen mit schlechten Kindheitserfahrungen später ihre eigenen Kinder? Übernahmen sie vielleicht nicht einfach nur das Verhalten ihrer gewalttätigen Mütter, sondern lernten stattdessen dazu und machten es dann später besser? Maestripieri hat bisher keine Antwort auf diese interessante Frage gefunden, eine Frage die sich natürlich auch im Falle der Weitergabe von Gewalt in menschlichen Familien stellt.

Eltern und Kinder

Lloyd de Mauses psychogenetische Theorie der Geschichte gibt womöglich die Antwort: Jeder Mensch durchlebt seine Kindheitserfahrungen zweimal, einmal als Kind und dann als Erwachsener mit seinen eigenen Kindern. Dieses zweite Wiedererleben der Kindheit eröffnet die Möglichkeit, als  Erwachsener die eigenen Ängste und Probleme beim zweiten Versuch besser zu bewältigen, sich also in seine eigenen Kinder hineinzuversetzen und  dazuzulernen.  Dann kann er seine eigenen Kinder  besser behandeln als er selber in seiner Kindheit behandelt wurde. Dieser persönliche Wandel wird zum gesellschaftlichen Wandel, wenn das ausreichend vielen Erwachsenen gelingt!

Erwachsene können auf drei verschiedene Art und Weisen auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren:

1. Projektive Reaktion: Die in der Kindheit verwehrten Wünsche werden in den Ansprüchen der eigenen Kinder (unbewußt) wiedererkannt. Wenn die Eltern diese Wünsche übergangen,  harsch abgelehnt oder sie sogar bestraft haben, dann sind diee Wünsche aus der Kindheit mit Angst und Schuldgefühlen besetzt. Als Kind verdrängt sie  daher sehr oft ins Unbewußte. Im Zusammensein mit den eigenen Kindern werden die verdrängten Ängste  wieder wach, was erhebliches Unbehagen bereitet. Die Ängste werden abgewehrt, indem sich der Erwachsene gegenüber den eigenen Kindern ebenso verhält, wie er es damals von seinen Eltern erfahren hat. Er identifiziert sich mit dem früher als falsch empfundenen Verhalten der Eltern, er unterwirft sich einem verinnerlichten Eltern-Ich. Dabei geht ein ganz erhebliches Stück an persönlicher Ich-Stärke verloren. Bei dieser Reaktion geht es letztendlich mehr um den Erwachsenen selbst als um sein Kind. Der Erwachsene erkennt in seinem Kind die verbotenen Wünsche aus der eigenen Kindheit wieder und bekämpft sie dann im Auftrag seines Eltern-Ichs (Projektion). Die wirklichen Bedürfnisse des eigenen Kindes bleiben dabei außen vor. Gelingt es dem Erwachsenen jedoch, sich ein Stück weit in sein Kind einzufühlen, so kann er die eigenen Projektionen zurückdrängen und seinem Kind etwas mehr zugestehen, als das früher seine Eltern ihm gegenüber getan haben.

Die Projektion wirkt auch über die Eltern-Kind-Beziehungen hinaus bis in die Politik. Wem als Kind von den Eltern nur wenige Ansprüche und Wünsche zugestanden wurden, der wird sich als Erwachsener wahrscheinlich über das „Anspruchsdenken“ der Armen empören und (beinahe) jede soziale Unterstützung als zu hoch empfinden. In der Bedürftigkeit der Armen erkennt er sich selbst als bedürftiges Kind wieder, und die Projektion wird sofort wirksam. Wie es das verimnnerlichte, strenge Eltern-Ich vorschreibt, werden die Ansprüche der Armen abgelehnt. Aber das ist noch nicht alles: Geht es Menschen, die streng erzogen wurden wirtschaftlich “zu gut“, so entwickeln sie Schuldgefühle und beginnen unbewußt den eigenen Erfolg zu sabotieren. Auf gesellschaftlicher Ebene ist ein solches Verhalten womöglich sogar ´der Auslöser von Wirtschaftskrisen. Bei durch ihre Kindheit entsprechend disponierten Personen kann durch vom Unbewußten „gewollte“ Fehlentscheidungen (Fehlinvestitionen von Unternehmern, Fehlspekulationen an der Börse oder von Seiten der Regierung ein übertriebenes Zurückfahren staatlicher Investitionen) ein wirtschaftlicher  Aufschwung, der zu Wohlstand aber auch Schuldgefühlen führt (Eltern-Ich: „Es geht mir zu gut, dafür muß ich mich bestrafen!“) gestoppt und in eine Rezession überführt werden. Diese Rezession, durch die es allen schlechter geht, hilft dabei, die Schuldgefühle wieder  abzubauen. Hinterher „erlaubt“ das Eltern-Ich wieder einen wirtschaftlichen Aufschwung und das ganze Spiel kann wieder von vorne losgehen. Lloyd de Mause liefert mit diesem psychischen Mechanismus eine schlüssige Theorie der Konjunkturzyklen in der Wirtschaft.

2. Umkehr-Reaktion: Das Kind dient als Ersatzperson für eine wichtige Person aus der eigenen Kindheit. Der Erwachsene  erwartet von seinem Kind die Liebe und Zuneigung, welche er bei seinen eigenen Eltern früher so schmerzlich vermisst hat. Enttäuscht das eigene Kind diese letztlich unerfüllbaren Erwartungen, so wird es bestraft. Wenn ein Säugling durch sein Schreien der Mutter das Gefühl gibt, nicht geliebt zu werden, so wird er aus Enttäuschung geschlagen. Wieder geht es eigentlich nur um die Bedürfnisse des Erwachsenen und nicht um die Bedürfnisse des eigenen Kindes. Auch die Umkehr-Reaktion kann durch ein Hineinfühlen in das eigene Kind abgebaut werden. Projektion und Umkehr-Reaktion treten oft auch gemeinsam auf. Das Kind erscheint dann einerseits als schlecht, hat aber auch andererseits liebevoll zu sein.

3. Mitfühlende Reaktion (Empathie): Der Erwachsene kann sich in sein Kind einfühlen, seine Bedürnisse verstehen und sie soweit möglich zu erfüllen versuchen. Projektion und Umkehr-Reaktion entfallen. Der Erwachsene unterlässt es sein Kind zu bestrafen, entschuldigt sich wenn er es ungerecht behandelt hat und hilft ihm dabei ein selbstständiger Mensch zu werden. Kurz gesagt, der Erwachsene ist seinen Kindern ein Beschützer und Freund.

Untersuchungen von Lloyd de Mause, aber auch von anderen Wissenschaftlern belegen, daß es eine regelrechte Evolution in der Behandlung der Kinder durch ihre Eltern gegeben hat. Eltern und Kinder sind sich im Laufe der menschlichen Geschichte nach und nach menschlich immer näher gekommen. Die Eltern schafften es, sich immer mehr in die Bedürfnisse ihrer Kinder einzufühlen. Sie kümmerten sich besser um sie und straften sie weniger. Das war ein langer, mühsamer Prozeß, der in verschiedenen Ländern unterschiedlich schnell ablief und bei dem es auch immer wieder Rückschläge gab.

Praktiken der Kindererziehung

Lloyd de Mause unterscheidet 6 Formen der Kindererziehung, die nacheinander vorherrschend in ihrer jeweiligen Zeit waren. Daneben existierten aber auch immer auch noch ältere, rückständige Formen weiter. Die zeitlichen Angaben beziehen sich auf das westliche Europa, wo die Geschichte der Kindheit bisher am besten untersucht ist.

1. Kindesmord (Vorzeit bis Antike 4. Jahrhundert n.Chr.):

In der Antike war der Kindesmord leider eine alltägliche Praxis. Überzählige oder unerwünschte Kinder wurden regelmäßig getötet, indem man sie erschlug, erstickte, ertränkte oder in der Wildnis aussetzte. Bei den überlebenden Kindern, die das mitansehen mußten, hinterließen entsprechende Erlebnisse schwere seelische Verletzungen (Traumata). Um die eigenen, unerträglichen Ängste loszuwerden, identifizierten sich die meisten Kinder der damaligen Zeit mit dem Tun ihrer Eltern. Sie verinnerlichten ein kindesmörderisches Eltern-Ich. Immer dann, wenn die eigenen Kinder mit ihrer Hilflosigkeit die alten verdrängten Kindheitsängste wieder wachrief, trieb es sie als Erwachsene zum Kindesmord. Die Kinder, welche weiterleben durften wurden häufig schlecht behandel und oft geschlagen. Auch der der sexuelle Mißbrauch von Kindern war in der Antike weit verbreitet.

Die einzige rühmliche Ausnahme waren damals die Juden. Bei ihnen galten schon die Kinder als vollwertige Menschen! In ihrem heiligen Buch der Tora, das als die 5. Bücher Mose Eingang in die Bibel fand, war der Kindesmord ausdrücklich verboten. Das war schon etwas ganz Besonderes in einer Zeit, in der Kindesmord ein übliches Mittel der Familienplanung und, gesellschaftlich allgemein akzeptiert war!

2. Weggabe (Beginn 1., vorherrschend 4. – 13. Jahrhundert): Gegen Ende der Antike wurde unter dem Einfluß des Christentums, das ja direkt aus dem Judentum hervorgangen war, die Praxis des Kindesmordes in der Gesellschaft langsam zurückgedrängt. Nach wie vor waren die Projektionen der Erwachsenen aber sehr stark. Kinder galten von Geburt an als vom Bösen befallen. (Erbsünde). Die Strafen waren dementsprechend sehr hart (Auspeitschen, Stockschläge). Die Ängste, die Kinder bei ihren Eltern wachriefen wurden hauptsächlich durch Weggabe bewältigt. Die Kinder kamen zu Ammen, wurden in Klöster gegeben oder mußten als Diener in fremden Haushalten arbeiten. Gerade die Ammen vernachlässigten die ihnen „anvertrauten“ Kinder oft so sehr, daß viele an Mangelernährung und Krankheiten infolge schlechter Pflege starben. In solchen Fällen ersetzte also lediglich der mittelbare den unmittelbaren Kindesmord.

Daneben erlebten die Kinder nach wie vor häufig sexuellen Mißbrauch (Umkehr-Reaktion).

Trotz alledem, für die Kinder welche überlebten, war Verlassenwerden und Vernachlässigung immerhin nicht ganz so schlimm, wie mitansehen zu müssen, wenn die eigenen Geschwister oder andere Mitkinder ermordet werden. Es blieb den Kindern die verzweifelte Hoffnung auf elterliche Liebe. Wenn man sie keine Ansprüche stellten, würde ihr armseliges Dasein vielleicht irgendwann doch das Mitleid der Eltern erregen. Später, als Erwachsene, waren sie von Verlassenheitsängsten beherrscht. Die Hoffnung auf Liebe richtete sich nun, stellvertretend für die eigenen Eltern, vor auf  Gott als Vater und auf die Jungfrau Maria als Mutter. Durch eine asketische, selbstbestrafende Lebensweise suchten sie nach Vergebung ihrer Sünden. („Erlösung vom Bösen“). Das Vorbild war Jesus, der gekreuzigte Sohn Gottes, der mit seinem Leiden die Menschheit erlöst hatte. Das weltliche Gegenstück zu Gott waren Könige, Fürsten und Bischöfe, bei denen man Halt und Schutz suchte. Daraus bezog das Gesellschaftssystem des Feudalismus seine Stabilität.

Kindheit in vergangenen Zeiten Quelle: Lloyd de Mause (http://www.psychohistory.com/)

3. Ambivalenz (Zwiespältigkeit; Beginn 12., vorherrschend 13.-17. Jahrhundert): Im späten Mittelalter entwickelten die Eltern mehr Gefühle für ihre Kinder. Aber ihre sehr starken Projektionen brachten sie dazu, gleichzeitig immer noch das vermeintlich Böse im Kinde zu bekämpfen. Durch das Wickeln machte man die Kinder nach der Geburt über viele Monate nahezu bewegungsunfähig, da man befürchtete, sie würden sich ansonsten selbst verletzten. Nach dem Wickeln bekamen die Kinder dann Gängelbänder, Geradehalter und Korsetts oder wurden irgendwo festgebunden, um sie so unter Kontrolle zu halten. Durch Einläufe versuchte man das Böse und Unreine aus den Kindern herauszubekommen. Andererseits machte man sich Eltern aber erstmals auch Gedanken über die geistige und moralische Erziehung der Kinder. Die Hauptverantwortung dafür sahen sie nun bei sich selbst, daneben aber auch bei  den Schulen. Die ersten Erziehungsratgeber wurden geschrieben. Verprügelt wurde aber nach wie vor.

Als Folge ihrer Kindheit wiesen die Erwachsenen zumeist eine gespaltene Persönlichkeit auf. Sie waren emotional instabil und unterlagen plötzlichen Stimmungsschwankungen. Doch die etwas bessere Behandlung ließ auch mehr wirtschaftlichen Wohlstand zu, da die Schuldgefühle wegen „des einem zu gut gehens“ nicht mehr ganz so schnell einsetzten.

4. Intrusion (Aufdringlichkeit; Beginn 16., vorherrschend 17.-19. Jahrhundert): Am Beginn der Neuzeit kam es zu einem tiefgreifenden Wandel bei der Behandlung der Kinder. Die Projektionen nahmen ab, so daß sich die Eltern mehr auf ihre Kinder einlassen konnten: Die Weggabe kam langsam außer Mode. Stattdessen kümmerten sich vor allem die Mütter immer häufiger selbst um ihre Kinder. Diese wurden jetzt nicht nur ausreichend ernährt, sondern  vielfach auch nicht mehr gewickelt. Zusammen mit der in der Medizin neu aufkommenden Kinderheilkunde und einer verbesserten Hygiene führte das zu einem deutlichen Rückgang der Kindersterblichkeit. Mit Drohungen, Schuldgefühlen und Strafen versuchten die Eltern den Willen ihrer Kinder zu kontrollieren und sie zu absolutem Gehorsam zu erziehen. Als wichtig galten die Kontrolle der kindlichen Sexualität (Unterbindung kindlicher Masturbation, Trennung von Mädchen und Jungen in den Schulen) und die Reinlichkeitserziehung (Kontrolle der kindlichen Ausscheidungen, aber keine Einläufe mehr). Bei der Bestrafung nicht folgsamer Kinder wurde seltener und weniger brutal geschlagen, aber dafür wurden die Kinder stunden- , manchmal sogar tagelange in dunklen Räumen bei Wasser und Brot eingesperrt oder man schüchterte sie mit furchterregenden Fantasiegestalten („der schwarze Mann“) ein.

Die insgesamt deutlich verbesserte Behandlung in der Kindheit hinterließ bei den Erwachsenen weniger seeliche Wunden. Sie waren nun eher in der Lage sich ihren Ängsten “nicht geliebt zu werden“ zu stellen, anstatt ihnen wie vorher, durch unterwürfiges, selbstbestrafendes Verhalten immer nur auszuweichen. Das brachte einen Zugewinn an Selbstbewußtsein aber auch eine große Traurigkeit. Daher litten die Kinder der damaligen Zeit als Erwachsene oft unter Depressionen. Das größere Selbstbewußsein machte die großen Fortschritte der Renaissance hin zu mehr Freiheit möglich: Die Macht der Könige, des Adels und der Kirche wurden in Frage gestellt, Kunst und Wissenschaften lösten sich von den Fesseln der Religion, die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung (weniger Schuldgefühle bei mehr Wohlstand!) und es brach die Zeit der großen Entdeckungsreisen an. Ein interessantes Anschauungsbeispiel für den Übergang vom ambivalenten in den intrusiven Erziehungsstil bietet die Geschichte der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Es begann mit einer Auswanderungswelle von England nach Nordamerika. Es begann mit der Gründung der nordamerikanischen Kolonien Englands im 17. Jahrhundert. Unter den Auswanderern, hauptsächlich mittelständische Puritanerfamilien, waren viele innovative Eltern, die bereit waren neue, menschlichere Formen der Kindererziehung zu versuchen. Im Gegensatz zu den meisten Eltern in England praktizierten  sie bereits die intrusive Erziehungsform. In ihrer neuen Heimat Nordamerika fehlte der gesellschaftliche Druck, die traditionellen und rückständigeren Erziehungsmethoden beizubehalten. So wurde in der neuen Gesellschaft ein großer Sprung nach vorne möglich, weg von der ambivalenten, hin zu der intrusiven Erziehungsform. Schon wenige Generationen später, am Ende des 17. Jahrhunderts waren die Unterschiede sehr deutlich:  Im Gegensatz zu England und dem übrigen Europa kam in den nordamerikanischen Kolonien  Kindesmord kaum mehr vor. Das ist ablesbar an dem damals schon nahezu ausgeglichenen Verhältnis von Jungen und Mädchen, denn in Ländern, wo der Kindesmord praktiziert wurde, galten vor allem Mädchen als unerwünschte Kinder, so daß unter den Kindern stets die Jungen überwogen. Findelhäuser, in England und auch im übrigen Europa noch weit verbreitet, waren unnötig geworden, denn die Weggabe von Kindern gab es praktisch nicht mehr. Ebenso war es mit der Praxis des Wickelns. Sogar das Schlagen von Kindern durch die Eltern und in der Schule wurde schon prinzipiell in Frage gestellt. Besucher aus Europa beklagten sich über die „verderbten“und  “verwöhnten“ Kinder in Nordamerika, den “kleinen Haustyrannen“ ihrer Eltern.

England führt seine nordamerikanischen Kolonien am Gängelband (1777). Auf diese Weise wurden damals widerspenstige Kinder diszipliniert. Es handelt sich um eine sogenannte Gruppenfantasie, bei der Kindheitserfahrungen in der Politik wiederaufgeführt werden (s.u.). Quelle: Lloyd de Mause (http://www.lloyddemause.com/)

Am Ende des 18. Jahrhunderts (1783) erkämpften die nordamerikanischen Kolonien die Unabhängigkeit von England und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Der in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 proklamierte neue Staat war im Gegensatz zum monarchistisch-feudalen „Mutterland“ England eine Republik freier und gleicher Bürger!

5. Sozialisation (Anpassung; Beginn 18., vorherrschend 19. – 21. Jahrhundert): Diese Erziehungsform ist auch heute noch die häufigste. Durch einen starken Rückgang der Projektionen ist sehr viel Zuneigung zwischen Erwachsenen und Kindern möglich. Auch die Väter kümmern sich jetzt mehr um ihre Kinder. Bisher hatten immer die Mütter die Hauptrolle bei der Kindererziehung gespielt. Nicht mehr  der Gehorsam steht im Vordergrund, sondern die Anpassung des Kindes an die Gesellschaft und ihre Normen. Die Kinder sollen eine gute Ausbildung bekommen und ordentliche Umgangsformen erlernen, um später als Erwachsene erfolgreich zu sein. Körperliche Strafen sind obsolet. Die Eltern ermahnen ihre Kinder stattdessen nur noch („Das tut man nicht!“) und setzen sie wenn „nötig“ seelich unter Druck, oft durch die Erzeugung von Schuldgefühlen. „Erfolg“ und „richtiges Verhalten“ werden mit elterlicher Zuwendung belohnt, “Versagen“ oder „Fehlverhalten“ mit „Liebesentzug“ oder dem Entzug von „Privilegien“  (keine Süßigkeiten mehr, Fernsehverbot, „Hausarrest“) bestraft. Beide Elternteile spielen jetzt aber auch regelmäßig mit ihren Kindern, was in früheren Zeiten nur selten vorkam. Die relativ gute Behandlung in der Kindheit bringt relativ selbstbewußte Erwachsene hervor, mit weniger Schuldgefühlen wenn es ihnen gut geht. Das ermöglicht einen nie gekannten Wirtschaftsaufschwung in den Ländern, wo diese Erziehungsform vorherrschend ist. Berufliches Fortkommen und Erfolg sind für das Selbstwertgefühl entscheidend. Andererseits prägen aber häufig auch Versagenängste die Persönlichkeit, denn in der Kindheit hat man gelernt: Liebe muß man sich verdienen.

6. Unterstützung (Beginn Mitte 20. Jahrhundert, immer noch die Ausnahme): Keine Projektionen und Umkehrreaktionen mehr. Die Erwachsene bemühen sich um ein echtes Verständnis der Kinder. Diese wissen (von seltenen Ausnahmen abgesehen) besser als die Erwachsenen was gut für sie ist und was nicht. Keine Strafen und möglichst auch keine Disziplinarmaßnahmen mehr, sondern versuchen zu überzeugen. Die Erwachsenen helfen den Kindern ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu selbstständigen und freien Menschen zu werden. Statt ihre Kinder zu bevormunden, sind die Eltern Beschützer und Freunde. Demokratische Schule nach dem Prinzip Summerhill. Ergebnis dieser freien Erziehung sind willensstarke, freundliche Erwachsene.

Psychoklassen und Gruppenfantasien

Da es neben den fortschrittlichen, aber immer auch noch ältere, rückständigere Formen des Umgangs mit Kindern gab, teilte  sich menschliche Gesellschaften zu allen Zeiten und überall in sogenannte Psychoklassen. Diese sind nicht unbedingt identisch mit den ökonomischen Klassen. Die Angehörigen einer Psychoklasse teilen gemeinsame Gruppenfantasien, die sich aus ihren gemeinsamen Kindheitserfahrungen speisen und der Bewältigung der diesen entspringenden Ängste dient. Das geschieht durch Wiederaufführung dieser angstbesetzten Kindheitserfahrungen auf der politisch – gesellschaftlichen Ebene.

Die Evolution der 6 verschiedenen Erziehungsformen in Westeuropa und Nordamerika (1. Infanticidal = kindesmörderisch, 2. Abandoning = weggebend, 3. Ambivalent = zwiespältig, 4. Intrusive = aufdringlich, 5. Socializing = anpassend, 6. Helping = unterstützend). Der Umgang mit Kindern wurde mit der Zeit immer menschlicher! Mindestens seit der Spätantike existieren verschiedene Erziehungsformen nebeneinander und führen zur Herausbildung von sogenannten Psychoklassen. Quelle:  Lloyd de Mause (http://www.lloyddemause.com/)

Lloyd de Mause hat eine Methode gefunden, um solche Gruppenfantasien zu erkennen. In der sogenannten Fantasieanalyse werden Presseartikel, politische Ansprachen und Äußerungen, Radio- und Fernsehinterviews u.a.m. auf bestimmte Redewendungen hin durchsucht und diese aufgezeichnet. Dabei geht es um emotional gefärbte Worte und Satzteile, um Methaphern (Bildsprache), Familienbegriffe (Mutter, Vater, Kind, Baby) und verneinende Ausdrücke (die Verneinung wird weggelassen). Fügt man alles in der Reihenfolge wie es gefallen ist zusammen, so ergibt sich ein verborgener  Zusammenhang, ein unbewußter Gehalt. Dabei handelt es sich um die jeweils vorherrschenden Gruppenfantasien, weil man davon ausgehen kann, daß Politiker, Presse, Rundfunk- und Fernsehen die wechselnden Stimmungen in der Bevölkerung erspüren und aufgreifen.

Die politischen Strömungen und Parteien haben ihren Ursprung vor allem in den verschiedenen Psychoklassen. Je freundlicher die Kindheit der Menschen, umso liberaler und aufgeschlossener für gesellschaftlichen Fortschritt sind sie später als Erwachsene. Die politischen Konflikte verlaufen mehr entlang der Psychoklassen als der ökonomischen Klassen. Liberale und reaktionäre Perioden wechseln entsprechend der jeweiligen Kräfteverhältnisse unter den Psychoklassen einander ab.

Die Weiterentwicklung der Erziehungsstile und das Aufeinandertreffen verschiedener Psychoklassen, beides zusammen erzeugt die gesellschaftliche und politische Dynamik, die wir als Geschichte kennen.

Jens Christian Heuer

Quellen: Lloyd de Mause: 1) Hört ihr die Kinder weinen: Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit, Suhrkamp 1980 2) Was ist Psychohistorie?- Eine Grundlegung Psychosozial 2000 3)  Das emotionale Leben der Nationen, Drava 2005

 

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Der Sozialpsychologe Leon Festinger (1919-1989) revolutionierte  in den 1950er Jahren mit seiner Theorie der Kognitiven Dissonanz die Psychologie. Erstmals befasste sich eine Theorie der wissenschaftlichen Psychologie  mit der  Dynamik  der menschlichen Psyche. Das hatte  zwar auch schon die Psychoanalyse des Wiener Nervenarztes Sigmund Freud (1856 –1939) versucht, doch wissenschaftlich anerkannt wurde sie nie. Festinger war kein Psychoanalytiker,  stieß jedoch auf ganz ähnliche Phänomene wie  Freud mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor.  

Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR)

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind Raucher und eine gute Zigarette gehört für Sie einfach zum Leben dazu. Doch immer immer wieder hören und lesen Sie von den gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens. Und Sie leiden auch bereits unter dem typischen morgendlichen Raucherhusten. Ihr Hausarzt hat Ihnen deshalb schon wiederholt geraten, endlich mit dem Rauchen  aufzuhören.  Auf den Genuß Ihrer Zigarette verzichten möchten Sie aber ganz und gar nicht! Was also tun? Wie mit diesen einander widerstreitenden Gedanken und Empfindungen – in der Fachsprache der Psychologie zusammenfassend auch Kognitionen genannt – nun weiter umgehen? 

 

Leon Festinger (1919-1989)  Quelle: Wikipedia

Eine solche Konfliktsituation beschreibt Festinger als Kognitive Dissonanz (KD). Zwei oder mehrere eigene Kognitionen stehen im Widerspruch zueinander und erzeugen ein unangenehmes Gefühl, einen psychischen Mißklang (Dissonanz) und dadurch eine innere Spannung, die nach Auflösung verlangt

Das gelingt  durch die sogenannte Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) auf zwei Wegen: Entweder werden die schwächeren, leichter veränderlichen Kognitionen gegenüber den stärkeren Kognitionen so umgeändert, daß die Dissonanzen verschwinden oder aber es werden zusätzliche konsonante (wohlklingende) Kognitionen dazugefügt. Vollendete Handlungen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen  und über viele Jahre liebgewonnene Gewohnheiten sind immer mit starken Kognitionen verbunden.

Im Falle des Rauchens wäre es natürlich am Besten, ganz damit aufzuhören. Doch oft gelingt das nicht. Es kommt zur Kognitiven Dissonaz Reduktion: Die Informationen über die Gefährlichkeit des Rauchens werden relativiert („Es ist ja noch nichts eindeutig bewiesen“, „Auch Nichtraucher bekommen immer wieder Lungenkrebs.“ usw.) oder aus dem Bewusstsein verbannt (Verdrängung) oder aber positive Gedanken über das Rauchen (Konsonante Kognitionen) hinzugefügt („Rauchen ist gut für meine Nerven.“  „Wenn ich mit dem Rauchen aufhöre, werde ich zu dick.“ „Mein Großvater hat immer geraucht und ist trotzdem 90 Jahre alt geworden.“ usw.). Nicht das Handeln wird verändert, sondern lediglich wie man darüber denkt und fühlt!

Die Theorie der Kognitiven Dissonanz wurde wiederholt auch wissenschaftlich bewiesen. Zwei Beispiele:

In dem klassischen Experiment zur Kognitiven Dissonanz von Festinger und Carlsmith (1959) mussten die Versuchspersonen monotone, langweilige und sinnlos erscheinende Tätigkeiten ausüben. (Schrauben in ein Brett drehen und um 90° drehen, Schrauben wieder aus dem Brett herausdrehen usw.).Die Versuchspersonen bewerteten ihre Tätigkeiten natürlich sehr negativ. Nach einer längeren „Arbeitszeit“ war das Experiment (scheinbar) vorüber, und die Versuchspersonen durften gehen. Später wurden sie aber, als „ehemalige“ Teilnehmer des Experiments um den Gefallen gebeten, „neue“ Teilnehmer zu gewinnen und davon zu überzeugen, dass das Experiment nicht langweilig, sondern sehr interessant sei. Einige der „Ehemaligen“ bekamen 20 $ für diesen Gefallen, andere nur 1 $ und ein weiterer Teil, die Kontrollgruppe wurde erst gar nicht darum gebeten. Nach ihrer Überzeugungsarbeit, die ihnen ja eine Lüge abverlangte, wurden die „Ehemaligen“ gebeten, ihre Schrauben-Dreh-Tätigkeit noch einmal rückwirkend neu zu bewerten. Diejenigen, die nur 1 $ bekommen hatten, schätzten diese nun deutlich positiver ein als zuvor und positiver als diejenigen, die 20 $ bekamen oder zur Kontrollgruppe gehörten. Festinger und Carlsmith erkannten eine Kognitive Dissonanz bei den „Ehemaligen“, da diese den „Neuen“ eine Tätigkeit als interessant anpreisen sollten, die sie selber in Wirklichkeit als sehr langweilig empfunden hatten. Die „Ehemaligen“, die 20 $ für ihre Lüge bekamen, sahen darin eine ausreichende (finanzielle) Rechtfertigung. Ihre Kognitive Dissonanz war somit ausgeglichen.Die „Ehemaligen“ aber, die nur 1 $ erhielten, änderten ihre eigenen Ansichten über die zunächst von ihnen als langweilig angesehene Schrauben-Dreh-Tätigkeit. Da sie für ihre Lügen gegenüber den „Neuen“ keine ausreichende (finanzielle) Rechtfertigung gehabt hatten, blieb ihre Kognitive Dissonanz offensichtlich bestehen und führte dann zur Einstellungsänderung.

Zur Verminderung der Dissonanz (Eine langweilige Arbeit anderen gegenüber als interessant ausgeben!) genügte der 20$-Gruppe das Geld. Die 1$-Gruppe änderte dagegen ihre innere Einstellung. Der langweiligen Arbeit wurde nun positive Seiten abgewonnen.  Quelle: http://www.hahnzog.de/

Laut Festinger und Carlsmith halten viele Menschen eher eine zunächst offensichtliche Lüge nach einiger Zeit für wahr, als ohne ausreichende Rechtfertigung bewußt zu lügen, wenn sie denn mit Nachdruck dazu aufgefordert werden!

Aronson und Carlsmith (1963) experimentierten mit drei- bis vierjährigen Kindern. Zunächst wurde festgestellt wie beliebt verschiedene angebotene Spielzeuge bei den Kindern waren. Dann verbot der Versuchsleiter den Kindern während seiner Abwesenheit ein bestimmtes, sehr beliebtes Spielzeug zu benutzen. Dazu wurde die Gruppe der Kinder zweigeteilt. Bei der einen Hälfte war das Verbot sehr streng mit der Androhung einerStrafe. Bei der anderen Hälfte war das Verbot eher eine freundliche Bitte. Der Versuchsleiter verliess anschließend für eine Weile den Raum. Alle Kinder hielten sich an das Verbot. Dann wurden erneut bei allen Kinder festgestellt, wie beliebt die verschiedenen Spielzeuge waren. Bei den Kindern mit dem strengen Verbot änderte sich nichts, doch bei den Kindern mit dem freundlichen Verbot hatte die Beliebtheit des verbotenen Spielzeuges gegenüber den anderen Spielzeugen deutlich abgenomen.

Das Verbot hatte in beidenFällen die Kinder dazu gebracht, gegen ihre eigene innere Einstellung zu handeln, denn sie hatten das von ihnen eigentlich gewünschte Spielzeug  ja gemieden. Eine Kognitive Dissonanz enstand aber nur bei denjenigen Kindern, welchen das gewünschte Spielzeugdenen auf eine sanfte Art verboten worden war, denn hier fehlte eine gute Begründung sich an das Verbot zu halten. Genau diese Begründung bekamen aber die anderen Kinder durch das strenge Verbot!

Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) in einer Tierfabel der Antike. Quelle: http://www.medienwerkstatt-online.de/ (verändert)

Die Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) kommt sehr häufig vor. Man findet sie überall nicht nur im Alltagsleben, sondern zum Beispiel auch in Politik,  und Religion!

Verdrängung

Die Psychoanalyse des Wiener Nervenarztes Sigmund Freud (1856-1939) beschäftigt sich wie die Theorie der Kognitiven Dissonanz mit psychischen Konfliktsituationen. Freud entdeckte das Unbewußte und die Verdrängung. Gedanken, Erlebnisse, Erinnerungen, Empfindungen und Wünsche, die das Bewußtsein als unangenehm oder gar schmerzhaft wahrnimmt, werden verdrängt und damit dem Bewußtsein entzogen. Sie werden unbewußt und ein innerer Widerstand sorgt dafür, daß sie es auch bleiben.

Sigmund Freud (1856-1939) Quelle: Wikipedia

Das Verdrängte macht sich aber trotzdem immer wieder bemerkbar, in Träumen, als Fehlleistungen (Freudsche Versprecher, vorübergehende Erinnerungsblockaden, Verlegen und Verlieren von Gegenständen usw.), aber auch im Verhalten, ohne daß die  betroffenen Personen sich erklären können, was wirklich vorgeht. Auslöser sind häufig aktuelle Wahrnehmingen, die irgendwie an das Verdrängte erinnern. Verdrängung beeinträchtigt das Lebensglück und kann in eine psychische Erkrankung münden. Die Psychoanalyse versucht das Verdrängte wieder bewußt zu machen, denn nur so wird es möglich, nach einer Lösung für den zugrundeliegenden Konflikt zu suchen.

Die Psychoanalyse bedient sich dazu der Methode der freien Assoziation. Dabei muß der Betroffene alle seine spontanen Einfälle dem Analytiker mitteilen, beispielsweise zu einem Traum oder zu einer Fehlleistung, ganz unabhängig davon, ob diese Einfälle ihm unsinnig, unpassend oder gar anstössig erscheinen. Die Assoziationen ergeben  der Erfahrung nach immer  ein Netzwerk  sinnvoller Zusammenhänge. Sie gehorchen dem Prinzip von Ursache und Wirkung (Kausalitätsprinzip) und ergeben eben nicht ein wildes Durcheinander! Das legt die psychoanalytische Theorie auch nahe, denn Träume und Fehlleistungen sind ja danach kein Zufall, sondern werden durch das ins Unbewußte Verdrängte bestimmt.  Das Verdrängte wird wieder bewußt. 

Was bei Freud die Verdrängung, ist bei Festinger die Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR)! Beide sind Ausdruck der durch Konfliktsituationen ausgelösten psychischen Dynamik.

Jens Christian Heuer

Quellen: Werner Herkner: Lehrbuch Sozialpsychologie, Verlag Hans Huber 1991, Sigmund Freud: Darstellungen der Psychoanalyse, Fischer-Taschenbuch 1969, Wikipedia

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Der Eichelhäher (Garrulus Glandarius) ist ein in Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten und in Asien bis Indochina beheimateter Rabenvogel, der vorwiegend in Wäldern lebt. Er besetzt zwar ganzjährig ein Revier, verteidigt dieses aber nur während der Brutzeit. Ansonsten bilden mehrere Vögel lockere Verbände. Im Sommer ernähren sich Eichelhäher vorwiegend von tierischer Nahrung (Insekten, Vogeleier, Jungvögel, kleine Reptilien und Säugetiere), im Winter dagegen vorwiegend von pflanzlicher Nahrung (Eicheln, Nüsse, Getreide, Beeren, Steinfrüchte).

Der Eichelhäher (Garrulus Glandarius) gehört zu den Rabenvögeln (Corvidae), welche durchweg eine hohe Intelligenz besitzen. Quelle: Wikipedia

Bei einem ausgeklügelten Fütterungsexperiment der beiden britischen Verhaltensforscherinnen Lucy Cheke und Nicola Clayton an der University of Cambridge (nordöstlich von London) zeigten die Vögel Fähigkeiten, wie man sie sonst bisher nur vom Menschen und den Menschenaffen kennt. Die Eichelhäher sind offenbar in der Lage in die Zukunft voraus zu denken und entsprechend zu handeln.

Das Experiment lief in 3 Stufen über 3 Tage ab, welche mehrfach wiederholt wurden. Als Futter bekamen die Eichelhäher Erdnüsse und Rosinen (bei einzelnen Tieren, welche diese nicht mochten gab es Fettpellets) zusammen oder einzeln dargeboten. Sie bekamen zusätzlich die Möglichkeit in verschliessbaren Boxen Vorräte anzulegen. Am 1. Tag wurden die Vögel zum Beispiel mit Erdnüssen vorgefüttert. Nach einer Pause bekamen sie anschließend Erdnüsse und Rosinen vorgesetzt. Sie konnten diese direkt verzehren oder auf zwei unterschiedlich gefärbte (zum Beispiel eine rote und eine blaue) Vorratsboxen verteilen. Da sie schon eine Menge Erdnüsse vorab verzehrt hatten, hielten sich die Vögel vorwiegend an die Rosinen. Am 2.Tag gab es nur die Erdnüsse, daneben konnten sie aber auch die gesammelte Nahrung aus der roten Box entnehmen (die blaue Box blieb verschlossen). Am 3.Tag waren es dann die Rosinen und die blaue Box (die rote Box blieb verschlossen). Dann begann wieder alles von vorne mit den 3.Stufen hintereinander und dann noch einmal.

Erstaunlicherweise durchschauten die Eichelhäher die Situation.  Als ihnen wieder  Erdnüsse und Rosinen vorgesetzt wurden, verzehrten sie wegen der vorgefütterten Erdnüsse zwar wie erwartet erneut  hauptsächlich Rosinen, doch beim Anlegen der Vorräte sah das jetzt ganz anders aus. Die Vögel legten Rosinen in die rote und Erdnüsse in die blaue Box und fanden damit die einzig richtige Lösung, um an eine möglichst abwechslungsreiche Kost zu kommen! Am Folgetag, an dem es nach der Speisefolge nur Erdnüsse gab, konnten sie sich bei dem Rosinenvorrat aus der offenen roten Box bedienen, um dann wiederum einen Tag später, da gab es ja nur Rosinen, den Zugriff auf die offene blaue Box mit dem Erdnußvorrat zu haben. An allen 3 Tagen eines Durchgangs kamen die Eichelhäher also an Erdnüsse und Rosinen heran, weil sie die Speisefolge begriffen und daraus ihr optimales Handeln in der Zukunft hergeleitet hatten.

Ablauf des Fütterungsexperiments: In der 1.Stufe (stage 1), am 1.Tag wurden die Eichelhäher mit Erdnüssen (food A) vorgefüttert. Nach einer Pause bekamen die Vögel Erdnüsse und Rosinen (food A+B). Diese konnten sie nicht nur sofort verzehren, sondern es gab auch die Möglichkeit Vorräte zu sammeln und auf zwei unterschiedlich gefärbte Boxen (tray 1, tray 2) zu verteilen. In der 2.Stufe (stage 2), am 2.Tag wurden nur Erdnüsse (food A)gefüttert, aber die Vögel konnten sich an einer der beiden Vorratsboxen (tray 1) bedienen (retrieval). In der Stufe 3 (stage 3), am 3.Tag gab es nur Rosinen (food B), aber die andere Vorratsbox (tray 2) war offen (retrieval). Die Eichelhäher durchschauten die Speisefolge und planten in die Zukunft. Sie verteilten in den nächsten Durchgängen Erdnüsse und Rosinen (food A+B) so auf die Vorratsboxen, daß sie nicht nur am 1.Tag, sondern auch an den beiden Folgetagen 2 und 3 immer beides zur Verfügung hatten. So sorgten die intelligenten Vögel für eine abwechslungsreiche Kost.  Quelle: biology letters 

Eine unglaubliche Leistung, welche die Fähigkeit voraussetzt, geistig in die Zukunft zu reisen (Mental Time Travel), um zu gegebener Zeit genau das Richtige zu tun. Die Möglichkeit des Mental Time Travel ist aber zugleich auch die wichtigste Eigenschaft des menschlichen Bewußtseins. Dieses beruht auf einem inneren Erlebnisraum, in dem die äußere Umwelt  einschließlich der eigenen Person simuliert wird. Dabei ist sowohl eine Simulation der erlebten Vergangenheit für das subjektive Erinnern, als auch eine Simulation der (möglichen) Zukunft für das planerische Denken möglich. Zu beidem sind die Eichelhäher offensichtlich in der Lage. Haben die Eichelhäher – und vielleicht auch noch andere Rabenvögel, die man bisher daraufhin noch nicht näher untersucht hat – demzufolge auch ein Bewußtsein?

Jens Christian Heuer

Quelle: Eurasian jays (Garrulus glandarius) overcome their current desires to anticipate two distinct future needs and plan for them appropriately (Lucy G.Cheke and Nicola S. Clayton) in biology letters

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Die Theorie der Meme wurde erstmals von dem Verhaltensforscher und Evolutionsbiologen Richard Dawkins  im Schlußkapitel seines im Jahre 1976 erschienenen Buches „Das egoistische Gen“ (siehe auch  den Beitrag „Leseempfehlung – Richard Dawkins: Das egoistische Gen“) entwickelt. Gedanken und Ideen verhalten sich danach als Replikatoren, ähnlich wie Gene, die Einheiten der biologischen Information. In Analogie dazu nennt Dawkins sie Meme. 

Replikatoren können in unterschiedlichster Gestalt auftreten.sind. Es handelt sich bei ihnen um kodierte Information, die sich identisch verfielfältigen kann.

Richard Dawkins  Quelle: realnews24

Diese Reproduktion funktioniert sehr zuverlässig, doch ab und zu schleicht sich ein Fehler ein Bei den Genen nennt man das eine Mutation. Die Kopien sind in so einem Fall also ungenau und unterscheiden sich von der richtigen Vorlage in ihrer Fähigkeit zur Reproduktion. Bei den Genen läuft das über Abweichungen in der Struktur der kodierten Proteine, welche die Anfertigung von Kopien des jeweiligen Gens mal besser, mal schlechter unterstützen. Gene, die sich effektiv reproduzieren, werden allmählich vorherrschend gegenüber anderen Genen, die das nicht so gut können. Oft sterben die unterlegenen Gene sogar aus. Dieser Mechanismus der Selektion führt zu einer Evolution!

Ähnlich bei den Memen:  Manche Ideen und Gedanken passen einfach besser in das gesellschaftliche Umfeld als andere. So unterscheiden sich zum Beispiel Musikstücke darin, wie gut sie bei den Hörern „ankommen“ und politische Ideen darin, wie erwünscht oder unerwünscht sie  für den jeweiligen Staat erscheinen. Wie Gene bilden auch Meme oft größere Einheiten, die als Memkomplexe gemeinsam besser kopiert werden als jedes einzelne Mem für sich allein. Ein Beispiel für derartige Memkomplexe sind die Religionen, denn die beinhalten stets ein ganzes Bündel von Gedanken, Phantasien und Ritualen, welche sich gegenseitig bestärken und so das Überleben der jeweiligen Religion befördern.

Gott oder Götter spiegeln reale, in der Kindheit erlebte Personen wider. Sind es Eltern und Erzieher dann entspricht das jeweilige Gottesbild ganz konkret den jeweils gemachten, sich im Laufe der Zeiten auch wandelnden Kindheitserfahrungen. Der Gott der großen monotheistischen Religionen beispielsweise, die Gläubigen nennen ihn bezeichnenderweise “Vater“, erscheint in den heiligen Schriften häufig als ein eher unnahbarer, leicht erzürnbarer Gott, der stets bedingungslosen Gehorsam verlangt und jedes Aufbegehren, jede Regung der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit  hart bestraft. Manchmal zeigen Gott oder Götter aber auch durchaus nette Seiten. Sie verzeihen großzügig kleine und auch größere „Sünden“, spenden Trost, sind Beschützer in der Not und ermuntern zu mitmenschlichem, anständigem Verhalten. Das kann an eher freundlichen Eltern und Erziehern liegen, das kann aber auch das Wideraufleben von Fantasiefreunden aus der Kindheit sein. Fantasiefreunde haben die meisten Kinder irgendwann einmal. Sie helfen dem Kind, indem sie ihm Mut machen, es beschützen, trösten, bei (wichtigen) Entscheidungen beraten oder einfach nur mit ihm reden. Genau das sind aber auch die Charakteristika eines freundlichen Gottes. 

Replikator-Varianten die effektiver kopiert werden, setzen sich bei der Vermehrung gegenüber anderen, wo das nicht so gut funktioniert, nach und nach durch. Diese Selektion der Varianten führt zu einer Evolution des Replikators, ganz egal ob Gene oder Mem!

Meme funktionieren übrigens auch bei Tieren: Ein berühmtes, gut dokumentiertes Beispiel dafür ereignete sich in den 1940er und 1950er Jahren in England:

Dort wird traditionell die Milch in Flaschen frühmorgens an die Haustier geliefert und abgestellt schon bevor der Kunde aufsteht. Zum Frühstück hat er so stets frische Milch. Doch es gab auch noch andere, die sich für die Milch interessierten, die Blaumeisen.

Eine Blaumeise öffnet den Stanniolverschluss einer Milchflasche Quelle: Klaus Immelmann (1999)

Eine besonders Gewitzte unter ihnen kam eines Tages auf den Kniff, wie man den Stanniolverschluß der Milchflaschen öffnen kann und gelangte so an den für sie äußerst schmackhaften Milchrahm. 

Zur allgemeinen Überraschung beherrschten nach und nach immer mehr Blaumeisen die Technik des Öffnens der Milchflaschen. Schon nach nicht einmal 20 Jahren konnten es nahezu alle Blaumeisen in England. Offensichtlich war die Entdeckung unter den Vögeln weitergegeben worden oder man hatte es sich einfach voneinander abgeschaut.

Wie auch immer, die Blaumeisen in England haben damals eine regelrechte kulturelle Tradition begründet! Das Mem für die Technik den Stanniolverschluß einer Milchflasche zu öffnen kam offensichtlich bei den Blaumeisen sehr gut an und konnte sich daher schnell und flächendeckend ausbreiten. 

Jens Christian Heuer

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