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Der Sozialpsychologe Leon Festinger (1919-1989) revolutionierte  in den 1950er Jahren mit seiner Theorie der Kognitiven Dissonanz die Psychologie. Erstmals befasste sich eine Theorie der wissenschaftlichen Psychologie  mit der  Dynamik  der menschlichen Psyche. Das hatte  zwar auch schon die Psychoanalyse des Wiener Nervenarztes Sigmund Freud (1856 –1939) versucht, doch wissenschaftlich anerkannt wurde sie nie. Festinger war kein Psychoanalytiker,  stieß jedoch auf ganz ähnliche Phänomene wie  Freud mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor.  

Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR)

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind Raucher und eine gute Zigarette gehört für Sie einfach zum Leben dazu. Doch immer immer wieder hören und lesen Sie von den gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens. Und Sie leiden auch bereits unter dem typischen morgendlichen Raucherhusten. Ihr Hausarzt hat Ihnen deshalb schon wiederholt geraten, endlich mit dem Rauchen  aufzuhören.  Auf den Genuß Ihrer Zigarette verzichten möchten Sie aber ganz und gar nicht! Was also tun? Wie mit diesen einander widerstreitenden Gedanken und Empfindungen – in der Fachsprache der Psychologie zusammenfassend auch Kognitionen genannt – nun weiter umgehen? 

 

Leon Festinger (1919-1989)  Quelle: Wikipedia

Eine solche Konfliktsituation beschreibt Festinger als Kognitive Dissonanz (KD). Zwei oder mehrere eigene Kognitionen stehen im Widerspruch zueinander und erzeugen ein unangenehmes Gefühl, einen psychischen Mißklang (Dissonanz) und dadurch eine innere Spannung, die nach Auflösung verlangt

Das gelingt  durch die sogenannte Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) auf zwei Wegen: Entweder werden die schwächeren, leichter veränderlichen Kognitionen gegenüber den stärkeren Kognitionen so umgeändert, daß die Dissonanzen verschwinden oder aber es werden zusätzliche konsonante (wohlklingende) Kognitionen dazugefügt. Vollendete Handlungen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen  und über viele Jahre liebgewonnene Gewohnheiten sind immer mit starken Kognitionen verbunden.

Im Falle des Rauchens wäre es natürlich am Besten, ganz damit aufzuhören. Doch oft gelingt das nicht. Es kommt zur Kognitiven Dissonaz Reduktion: Die Informationen über die Gefährlichkeit des Rauchens werden relativiert („Es ist ja noch nichts eindeutig bewiesen“, „Auch Nichtraucher bekommen immer wieder Lungenkrebs.“ usw.) oder aus dem Bewusstsein verbannt (Verdrängung) oder aber positive Gedanken über das Rauchen (Konsonante Kognitionen) hinzugefügt („Rauchen ist gut für meine Nerven.“  „Wenn ich mit dem Rauchen aufhöre, werde ich zu dick.“ „Mein Großvater hat immer geraucht und ist trotzdem 90 Jahre alt geworden.“ usw.). Nicht das Handeln wird verändert, sondern lediglich wie man darüber denkt und fühlt!

Die Theorie der Kognitiven Dissonanz wurde wiederholt auch wissenschaftlich bewiesen. Zwei Beispiele:

In dem klassischen Experiment zur Kognitiven Dissonanz von Festinger und Carlsmith (1959) mussten die Versuchspersonen monotone, langweilige und sinnlos erscheinende Tätigkeiten ausüben. (Schrauben in ein Brett drehen und um 90° drehen, Schrauben wieder aus dem Brett herausdrehen usw.).Die Versuchspersonen bewerteten ihre Tätigkeiten natürlich sehr negativ. Nach einer längeren „Arbeitszeit“ war das Experiment (scheinbar) vorüber, und die Versuchspersonen durften gehen. Später wurden sie aber, als „ehemalige“ Teilnehmer des Experiments um den Gefallen gebeten, „neue“ Teilnehmer zu gewinnen und davon zu überzeugen, dass das Experiment nicht langweilig, sondern sehr interessant sei. Einige der „Ehemaligen“ bekamen 20 $ für diesen Gefallen, andere nur 1 $ und ein weiterer Teil, die Kontrollgruppe wurde erst gar nicht darum gebeten. Nach ihrer Überzeugungsarbeit, die ihnen ja eine Lüge abverlangte, wurden die „Ehemaligen“ gebeten, ihre Schrauben-Dreh-Tätigkeit noch einmal rückwirkend neu zu bewerten. Diejenigen, die nur 1 $ bekommen hatten, schätzten diese nun deutlich positiver ein als zuvor und positiver als diejenigen, die 20 $ bekamen oder zur Kontrollgruppe gehörten. Festinger und Carlsmith erkannten eine Kognitive Dissonanz bei den „Ehemaligen“, da diese den „Neuen“ eine Tätigkeit als interessant anpreisen sollten, die sie selber in Wirklichkeit als sehr langweilig empfunden hatten. Die „Ehemaligen“, die 20 $ für ihre Lüge bekamen, sahen darin eine ausreichende (finanzielle) Rechtfertigung. Ihre Kognitive Dissonanz war somit ausgeglichen.Die „Ehemaligen“ aber, die nur 1 $ erhielten, änderten ihre eigenen Ansichten über die zunächst von ihnen als langweilig angesehene Schrauben-Dreh-Tätigkeit. Da sie für ihre Lügen gegenüber den „Neuen“ keine ausreichende (finanzielle) Rechtfertigung gehabt hatten, blieb ihre Kognitive Dissonanz offensichtlich bestehen und führte dann zur Einstellungsänderung.

Zur Verminderung der Dissonanz (Eine langweilige Arbeit anderen gegenüber als interessant ausgeben!) genügte der 20$-Gruppe das Geld. Die 1$-Gruppe änderte dagegen ihre innere Einstellung. Der langweiligen Arbeit wurde nun positive Seiten abgewonnen.  Quelle: http://www.hahnzog.de/

Laut Festinger und Carlsmith halten viele Menschen eher eine zunächst offensichtliche Lüge nach einiger Zeit für wahr, als ohne ausreichende Rechtfertigung bewußt zu lügen, wenn sie denn mit Nachdruck dazu aufgefordert werden!

Aronson und Carlsmith (1963) experimentierten mit drei- bis vierjährigen Kindern. Zunächst wurde festgestellt wie beliebt verschiedene angebotene Spielzeuge bei den Kindern waren. Dann verbot der Versuchsleiter den Kindern während seiner Abwesenheit ein bestimmtes, sehr beliebtes Spielzeug zu benutzen. Dazu wurde die Gruppe der Kinder zweigeteilt. Bei der einen Hälfte war das Verbot sehr streng mit der Androhung einerStrafe. Bei der anderen Hälfte war das Verbot eher eine freundliche Bitte. Der Versuchsleiter verliess anschließend für eine Weile den Raum. Alle Kinder hielten sich an das Verbot. Dann wurden erneut bei allen Kinder festgestellt, wie beliebt die verschiedenen Spielzeuge waren. Bei den Kindern mit dem strengen Verbot änderte sich nichts, doch bei den Kindern mit dem freundlichen Verbot hatte die Beliebtheit des verbotenen Spielzeuges gegenüber den anderen Spielzeugen deutlich abgenomen.

Das Verbot hatte in beidenFällen die Kinder dazu gebracht, gegen ihre eigene innere Einstellung zu handeln, denn sie hatten das von ihnen eigentlich gewünschte Spielzeug  ja gemieden. Eine Kognitive Dissonanz enstand aber nur bei denjenigen Kindern, welchen das gewünschte Spielzeugdenen auf eine sanfte Art verboten worden war, denn hier fehlte eine gute Begründung sich an das Verbot zu halten. Genau diese Begründung bekamen aber die anderen Kinder durch das strenge Verbot!

Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) in einer Tierfabel der Antike. Quelle: http://www.medienwerkstatt-online.de/ (verändert)

Die Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) kommt sehr häufig vor. Man findet sie überall nicht nur im Alltagsleben, sondern zum Beispiel auch in Politik,  und Religion!

Verdrängung

Die Psychoanalyse des Wiener Nervenarztes Sigmund Freud (1856-1939) beschäftigt sich wie die Theorie der Kognitiven Dissonanz mit psychischen Konfliktsituationen. Freud entdeckte das Unbewußte und die Verdrängung. Gedanken, Erlebnisse, Erinnerungen, Empfindungen und Wünsche, die das Bewußtsein als unangenehm oder gar schmerzhaft wahrnimmt, werden verdrängt und damit dem Bewußtsein entzogen. Sie werden unbewußt und ein innerer Widerstand sorgt dafür, daß sie es auch bleiben.

Sigmund Freud (1856-1939) Quelle: Wikipedia

Das Verdrängte macht sich aber trotzdem immer wieder bemerkbar, in Träumen, als Fehlleistungen (Freudsche Versprecher, vorübergehende Erinnerungsblockaden, Verlegen und Verlieren von Gegenständen usw.), aber auch im Verhalten, ohne daß die  betroffenen Personen sich erklären können, was wirklich vorgeht. Auslöser sind häufig aktuelle Wahrnehmingen, die irgendwie an das Verdrängte erinnern. Verdrängung beeinträchtigt das Lebensglück und kann in eine psychische Erkrankung münden. Die Psychoanalyse versucht das Verdrängte wieder bewußt zu machen, denn nur so wird es möglich, nach einer Lösung für den zugrundeliegenden Konflikt zu suchen.

Die Psychoanalyse bedient sich dazu der Methode der freien Assoziation. Dabei muß der Betroffene alle seine spontanen Einfälle dem Analytiker mitteilen, beispielsweise zu einem Traum oder zu einer Fehlleistung, ganz unabhängig davon, ob diese Einfälle ihm unsinnig, unpassend oder gar anstössig erscheinen. Die Assoziationen ergeben  der Erfahrung nach immer  ein Netzwerk  sinnvoller Zusammenhänge. Sie gehorchen dem Prinzip von Ursache und Wirkung (Kausalitätsprinzip) und ergeben eben nicht ein wildes Durcheinander! Das legt die psychoanalytische Theorie auch nahe, denn Träume und Fehlleistungen sind ja danach kein Zufall, sondern werden durch das ins Unbewußte Verdrängte bestimmt.  Das Verdrängte wird wieder bewußt. 

Was bei Freud die Verdrängung, ist bei Festinger die Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR)! Beide sind Ausdruck der durch Konfliktsituationen ausgelösten psychischen Dynamik.

Jens Christian Heuer

Quellen: Werner Herkner: Lehrbuch Sozialpsychologie, Verlag Hans Huber 1991, Sigmund Freud: Darstellungen der Psychoanalyse, Fischer-Taschenbuch 1969, Wikipedia

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Der Eichelhäher (Garrulus Glandarius) ist ein in Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten und in Asien bis Indochina beheimateter Rabenvogel, der vorwiegend in Wäldern lebt. Er besetzt zwar ganzjährig ein Revier, verteidigt dieses aber nur während der Brutzeit. Ansonsten bilden mehrere Vögel lockere Verbände. Im Sommer ernähren sich Eichelhäher vorwiegend von tierischer Nahrung (Insekten, Vogeleier, Jungvögel, kleine Reptilien und Säugetiere), im Winter dagegen vorwiegend von pflanzlicher Nahrung (Eicheln, Nüsse, Getreide, Beeren, Steinfrüchte).

Der Eichelhäher (Garrulus Glandarius) gehört zu den Rabenvögeln (Corvidae), welche durchweg eine hohe Intelligenz besitzen. Quelle: Wikipedia

Bei einem ausgeklügelten Fütterungsexperiment der beiden britischen Verhaltensforscherinnen Lucy Cheke und Nicola Clayton an der University of Cambridge (nordöstlich von London) zeigten die Vögel Fähigkeiten, wie man sie sonst bisher nur vom Menschen und den Menschenaffen kennt. Die Eichelhäher sind offenbar in der Lage in die Zukunft voraus zu denken und entsprechend zu handeln.

Das Experiment lief in 3 Stufen über 3 Tage ab, welche mehrfach wiederholt wurden. Als Futter bekamen die Eichelhäher Erdnüsse und Rosinen (bei einzelnen Tieren, welche diese nicht mochten gab es Fettpellets) zusammen oder einzeln dargeboten. Sie bekamen zusätzlich die Möglichkeit in verschliessbaren Boxen Vorräte anzulegen. Am 1. Tag wurden die Vögel zum Beispiel mit Erdnüssen vorgefüttert. Nach einer Pause bekamen sie anschließend Erdnüsse und Rosinen vorgesetzt. Sie konnten diese direkt verzehren oder auf zwei unterschiedlich gefärbte (zum Beispiel eine rote und eine blaue) Vorratsboxen verteilen. Da sie schon eine Menge Erdnüsse vorab verzehrt hatten, hielten sich die Vögel vorwiegend an die Rosinen. Am 2.Tag gab es nur die Erdnüsse, daneben konnten sie aber auch die gesammelte Nahrung aus der roten Box entnehmen (die blaue Box blieb verschlossen). Am 3.Tag waren es dann die Rosinen und die blaue Box (die rote Box blieb verschlossen). Dann begann wieder alles von vorne mit den 3.Stufen hintereinander und dann noch einmal.

Erstaunlicherweise durchschauten die Eichelhäher die Situation.  Als ihnen wieder  Erdnüsse und Rosinen vorgesetzt wurden, verzehrten sie wegen der vorgefütterten Erdnüsse zwar wie erwartet erneut  hauptsächlich Rosinen, doch beim Anlegen der Vorräte sah das jetzt ganz anders aus. Die Vögel legten Rosinen in die rote und Erdnüsse in die blaue Box und fanden damit die einzig richtige Lösung, um an eine möglichst abwechslungsreiche Kost zu kommen! Am Folgetag, an dem es nach der Speisefolge nur Erdnüsse gab, konnten sie sich bei dem Rosinenvorrat aus der offenen roten Box bedienen, um dann wiederum einen Tag später, da gab es ja nur Rosinen, den Zugriff auf die offene blaue Box mit dem Erdnußvorrat zu haben. An allen 3 Tagen eines Durchgangs kamen die Eichelhäher also an Erdnüsse und Rosinen heran, weil sie die Speisefolge begriffen und daraus ihr optimales Handeln in der Zukunft hergeleitet hatten.

Ablauf des Fütterungsexperiments: In der 1.Stufe (stage 1), am 1.Tag wurden die Eichelhäher mit Erdnüssen (food A) vorgefüttert. Nach einer Pause bekamen die Vögel Erdnüsse und Rosinen (food A+B). Diese konnten sie nicht nur sofort verzehren, sondern es gab auch die Möglichkeit Vorräte zu sammeln und auf zwei unterschiedlich gefärbte Boxen (tray 1, tray 2) zu verteilen. In der 2.Stufe (stage 2), am 2.Tag wurden nur Erdnüsse (food A)gefüttert, aber die Vögel konnten sich an einer der beiden Vorratsboxen (tray 1) bedienen (retrieval). In der Stufe 3 (stage 3), am 3.Tag gab es nur Rosinen (food B), aber die andere Vorratsbox (tray 2) war offen (retrieval). Die Eichelhäher durchschauten die Speisefolge und planten in die Zukunft. Sie verteilten in den nächsten Durchgängen Erdnüsse und Rosinen (food A+B) so auf die Vorratsboxen, daß sie nicht nur am 1.Tag, sondern auch an den beiden Folgetagen 2 und 3 immer beides zur Verfügung hatten. So sorgten die intelligenten Vögel für eine abwechslungsreiche Kost.  Quelle: biology letters 

Eine unglaubliche Leistung, welche die Fähigkeit voraussetzt, geistig in die Zukunft zu reisen (Mental Time Travel), um zu gegebener Zeit genau das Richtige zu tun. Die Möglichkeit des Mental Time Travel ist aber zugleich auch die wichtigste Eigenschaft des menschlichen Bewußtseins. Dieses beruht auf einem inneren Erlebnisraum, in dem die äußere Umwelt  einschließlich der eigenen Person simuliert wird. Dabei ist sowohl eine Simulation der erlebten Vergangenheit für das subjektive Erinnern, als auch eine Simulation der (möglichen) Zukunft für das planerische Denken möglich. Zu beidem sind die Eichelhäher offensichtlich in der Lage. Haben die Eichelhäher – und vielleicht auch noch andere Rabenvögel, die man bisher daraufhin noch nicht näher untersucht hat – demzufolge auch ein Bewußtsein?

Jens Christian Heuer

Quelle: Eurasian jays (Garrulus glandarius) overcome their current desires to anticipate two distinct future needs and plan for them appropriately (Lucy G.Cheke and Nicola S. Clayton) in biology letters

Schon vor der Geburt, im letzten Schwangerschaftsdrittel, prägen sich menschliche Kinder die Sprachmelodie ihrer Muttersprache ein. Das zeigt eine neuere Studie von Wissenschaftlern an der Universität Würzburg („Newborns’ cry melody is shaped by their native language“. Birgit Mampe, Angela D. Friederici, Anne Christophe, Kathleen Wermke). Durch die Aufnahme von Klangspektren konnte direkt nach der Geburt bei schreienden französischen und deutschen Säuglingen die Klangfarbe und Sprachmelodie der jeweiligen Muttersprache nachgewiesen werden. Französische Neugeborene zeigen eher Schreie mit  ansteigenden, immer höher klingenden Tonfolgen und  deutsche Neugeborene dagegen eher  solche mit absteigenden, immer tiefer klingenden Tonfolgen.

Das Klangspektrum bei schreienden französischen und deutschen Neugeborenen unterscheidet sich deutlich. Quelle: Current Biology

Hören Säuglinge Sätze in ihrer eigenen Muttersprache, so verstehen sie natürlich noch nicht den sachlichen Inhalt, aber sehr wohl die emotionale Botschaft. Bei einer fremden Sprache gelingt ihnen das nicht. Darüber hinaus erkennen sie unter vielen die Stimme ihrer Mutter wieder. Eine vorgeburtliche Prägung auf die Stimme der Mutter wurde auch schon bei einigen Vogelarten nachgewiesen.

Die moderne Sprachforschung (Linguistik) geht davon aus, daß die Beherrschung der Muttersprache eine entscheidende Voraussetzung für das Erlernen weiterer Fremdsprachen ist. Diese aus praktischen Erfahrungen gewonnene Einsicht gewinnt durch den Nachweis einer vorgeburtlichen Prägung des Menschen auf seine Muttersprache zusätzlich an Plausibilität.

Die Linguistin Zerrin Konyalioglu-Busch aus Hamburg hat eine Methode des Sprachelernens entwickelt, welche sich die entscheidende Rolle der Muttersprache als Ausgangsbasis für das Erlernen weiterer Sprachen zunutze macht. Bei der Sprachförderung von Schülern aus türkischen Familien in Deutschland konnten damit schon bemerkenswerte Erfolge erzielt werden.

Die Linguistin Zerrin Konyalioglu-Busch entwickelte ein Verfahren zur Sprachförderung, das auf der Erkenntnis der entscheidenden Rolle der Muttersprache basiert. Sie hat dazu ein Lehrbuch veröffentlicht: Deutsch als Zweitsprache – Türkische Schüler systematisch fördern .

Wenn die Eltern Türkisch sprechen, aber nicht so gut Deutsch, dann ist es besser, wenn die Kinder zuerst die türkische Muttersprache sicher beherrschen, um danach umso leichter Deutsch als Zweitsprache zu erlernen! Die von vielen Politikern immer wieder gestellte Forderung, daß Deutsch  für in Deutschland geborene Kinder ausländischer Herkunft immer die Erstsprache zu sein hat ist also offensichtlich kontraproduktiv! Ein Projekt, das Lehrer mit der neuen Lehrmethode von Zerrin Konyalioglu-Busch vertraut machen soll, wird inzwischen vom deutschen Staat finanziell gefördert!

Jens Christian Heuer

Quelle: Current Biology

Bonobos (Zwergschimpansen) sind in vieler Hinsicht sehr ungewöhnlich! Sie sind graziler als andere Menschenaffen und bewegen sich häufiger auf zwei Beinen. Auch sind sie weniger aggressiv als die ihnen ansonsten sehr ähnlichen Schimpansen und sie leben in einem Matriarchat! Wie sonst nur noch der Mensch haben sie auch Geschlechtsverkehr mit einander zugewandten Gesichtern. Das ist etwas ganz Besonderes, denn alle anderen Tiere verstehen längeres „In die Augen schauen“ immer als Drohung. Jeder, der einen Hund hat, kann das leicht nachprüfen. Aber Vorsicht! Die Bonobos können dagegen einander länger in die Augen schauen. Es ist so wie bei den Menschen, ein Zeichen enger Vertrautheit und Verbundenheit.

Vor vielen Jahren erlebte ich mit den Bonobos Erstaunliches: Ich besuchte damals wiederholt den Wuppertaler Zoo, der damals wie heute zu den wenigen Zoos gehört, in denen die faszinierenden Bonobos zu sehen sind. Ich sahdort  die überragende Lebendigkeit und Intelligenz der Bonobos mit eigenen Augen: So dekorierten sie zum Beispiel ihre Köpfe mit Blättern und schauten in einem Spiegel wie es aussah oder sie liefen Schlittschuh auf den Bodenfliesen mit halbierten Äpfeln.

Bonobo-Frau. Die Frauen haben eine starke Stellung bei den Bonobos. Quelle: Wikipedia

Eines Tages jedoch war das Bonobo-Gehege leer, bis auf ein Tier, das mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf zwei Beinen seine Runden drehte und irgendwie nervös wirkte. Ich erkundigte mich bei einem zufällig vorbeikommenden Tierpfleger was los sei und erfuhr, daß die anderen Bonobos der Geburt eines Jungtieres beiwohnten, die gerade unter der Aufsicht eines Tierarztes in eienm Nebenraum stattfand. Ich nahm mir die Zeit zu warten und endlich, nach rund 2 Stunden, kamen die fehlenden Tiere, darunter die Mutter mit ihrem neugeborenen Kind, und einigen menschlichen Pflegern durch eine Tür ins Gehege zurück. Alle setzten sich auf einen großen Baumstamm und tranken gemeinsam etwas aus Bechern. Dann verabschiedeten die Bonobos die ihnen offensichtlich sehr vertrauten Menschen und dabei umarmte man sich gegenseitig.

Danach passierte etwas schier Unglaubliches: Die Bonobos reihten sich  in Hufeisenform nebeneinander auf und die Mutter mit dem Kind trat in die Öffnung des Hufeisens. Sie hielt ihr Kind mit ausgestreckten Armen nach oben und alle anwesenden Bonobos begannen gleichzeitig einen heulenden Gesang, der nach kurzer Zeit – wiederum gleichzeitig – abrupt endete!

Nach diesem Begrüßungsritual für das Kind – ich kann das nicht anders nennen – legten sich alle Mitglieder der Bonobo-Gruppe schlafen, die Mutter mit ihrem Kind im Arm, ansonsten jeder für sich. Ich ging, denn es war inzwischen Abend geworden und die Öffnungszeit des Zoos ging zu Ende.

Jens Christian Heuer

Meeresbiologen der University of California Santa Cruz (Prof. Giacomo Bernardi und Kollegen) haben in einem Korallenriff vor der Insel Palau, in der Nähe von Indonesien, einen tropischen Zahnlippenfisch gefilmt, der ein Wekzeug einsetzt, um an Nahrung zu kommen. Erstmals wurde ein derart intelligentes Verhalten bei einem Fisch dokumentiert!

Quelle: LabEquipment (You Tube)

Der Zahnlippenfisch versucht zunächst die Muschel zu knacken, indem er sie über felsigem Untergrund abwirft. Eine ähnliche Methode nutzen auch intelligente Rabenvögel, um an den Inhalt von Nüsse zu kommen. Sie steigen mit der Nuss im Schnabel auf und lassen diese aus großer Höhe zum Beispiel auf ein Straßenpflaster fallen. Der Zahnlippenfisch hat mit dieser Methode anscheinend aber keinen Erfolg, vielleicht weil das Wasser den Fall der Muschel wohl doch zu sehr abbremst . Daher nimmt er die immer noch ungeöffnete Muschel wieder auf und schwimmt zu einem aufrecht stehenden Felsen. Dort angekommen schleudert er die Muschel wiederholt mit voller Wucht gegen den Fels bis die Schale endlich aufbricht.

Das Verhalten des Fisches wirkt insgesamt sehr zielgerichtet, ja geradezu durchdacht!

Jens Christian Heuer

Die Theorie der Meme wurde erstmals von dem Verhaltensforscher und Evolutionsbiologen Richard Dawkins  im Schlußkapitel seines im Jahre 1976 erschienenen Buches „Das egoistische Gen“ (siehe auch  den Beitrag „Leseempfehlung – Richard Dawkins: Das egoistische Gen“) entwickelt. Gedanken und Ideen verhalten sich danach als Replikatoren, ähnlich wie Gene, die Einheiten der biologischen Information. In Analogie dazu nennt Dawkins sie Meme. 

Replikatoren können in unterschiedlichster Gestalt auftreten.sind. Es handelt sich bei ihnen um kodierte Information, die sich identisch verfielfältigen kann.

Richard Dawkins  Quelle: realnews24

Diese Reproduktion funktioniert sehr zuverlässig, doch ab und zu schleicht sich ein Fehler ein Bei den Genen nennt man das eine Mutation. Die Kopien sind in so einem Fall also ungenau und unterscheiden sich von der richtigen Vorlage in ihrer Fähigkeit zur Reproduktion. Bei den Genen läuft das über Abweichungen in der Struktur der kodierten Proteine, welche die Anfertigung von Kopien des jeweiligen Gens mal besser, mal schlechter unterstützen. Gene, die sich effektiv reproduzieren, werden allmählich vorherrschend gegenüber anderen Genen, die das nicht so gut können. Oft sterben die unterlegenen Gene sogar aus. Dieser Mechanismus der Selektion führt zu einer Evolution!

Ähnlich bei den Memen:  Manche Ideen und Gedanken passen einfach besser in das gesellschaftliche Umfeld als andere. So unterscheiden sich zum Beispiel Musikstücke darin, wie gut sie bei den Hörern „ankommen“ und politische Ideen darin, wie erwünscht oder unerwünscht sie  für den jeweiligen Staat erscheinen. Wie Gene bilden auch Meme oft größere Einheiten, die als Memkomplexe gemeinsam besser kopiert werden als jedes einzelne Mem für sich allein. Ein Beispiel für derartige Memkomplexe sind die Religionen, denn die beinhalten stets ein ganzes Bündel von Gedanken, Phantasien und Ritualen, welche sich gegenseitig bestärken und so das Überleben der jeweiligen Religion befördern.

Gott oder Götter spiegeln reale, in der Kindheit erlebte Personen wider. Sind es Eltern und Erzieher dann entspricht das jeweilige Gottesbild ganz konkret den jeweils gemachten, sich im Laufe der Zeiten auch wandelnden Kindheitserfahrungen. Der Gott der großen monotheistischen Religionen beispielsweise, die Gläubigen nennen ihn bezeichnenderweise “Vater“, erscheint in den heiligen Schriften häufig als ein eher unnahbarer, leicht erzürnbarer Gott, der stets bedingungslosen Gehorsam verlangt und jedes Aufbegehren, jede Regung der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit  hart bestraft. Manchmal zeigen Gott oder Götter aber auch durchaus nette Seiten. Sie verzeihen großzügig kleine und auch größere „Sünden“, spenden Trost, sind Beschützer in der Not und ermuntern zu mitmenschlichem, anständigem Verhalten. Das kann an eher freundlichen Eltern und Erziehern liegen, das kann aber auch das Wideraufleben von Fantasiefreunden aus der Kindheit sein. Fantasiefreunde haben die meisten Kinder irgendwann einmal. Sie helfen dem Kind, indem sie ihm Mut machen, es beschützen, trösten, bei (wichtigen) Entscheidungen beraten oder einfach nur mit ihm reden. Genau das sind aber auch die Charakteristika eines freundlichen Gottes. 

Replikator-Varianten die effektiver kopiert werden, setzen sich bei der Vermehrung gegenüber anderen, wo das nicht so gut funktioniert, nach und nach durch. Diese Selektion der Varianten führt zu einer Evolution des Replikators, ganz egal ob Gene oder Mem!

Meme funktionieren übrigens auch bei Tieren: Ein berühmtes, gut dokumentiertes Beispiel dafür ereignete sich in den 1940er und 1950er Jahren in England:

Dort wird traditionell die Milch in Flaschen frühmorgens an die Haustier geliefert und abgestellt schon bevor der Kunde aufsteht. Zum Frühstück hat er so stets frische Milch. Doch es gab auch noch andere, die sich für die Milch interessierten, die Blaumeisen.

Eine Blaumeise öffnet den Stanniolverschluss einer Milchflasche Quelle: Klaus Immelmann (1999)

Eine besonders Gewitzte unter ihnen kam eines Tages auf den Kniff, wie man den Stanniolverschluß der Milchflaschen öffnen kann und gelangte so an den für sie äußerst schmackhaften Milchrahm. 

Zur allgemeinen Überraschung beherrschten nach und nach immer mehr Blaumeisen die Technik des Öffnens der Milchflaschen. Schon nach nicht einmal 20 Jahren konnten es nahezu alle Blaumeisen in England. Offensichtlich war die Entdeckung unter den Vögeln weitergegeben worden oder man hatte es sich einfach voneinander abgeschaut.

Wie auch immer, die Blaumeisen in England haben damals eine regelrechte kulturelle Tradition begründet! Das Mem für die Technik den Stanniolverschluß einer Milchflasche zu öffnen kam offensichtlich bei den Blaumeisen sehr gut an und konnte sich daher schnell und flächendeckend ausbreiten. 

Jens Christian Heuer

Das Egoistische Gen des Evolutionsbiologen Richard Dawkins ist schon so etwas wie ein Klassiker. Das Buch erschien schon im Jahre 1976, hat aber trotzdem nichts von seiner Aktualität verloren. Die Jubiläumsausgabe aus dem Jahre 2006 ist daher gegenüber der Erstauflage inhaltlich unverändert.

Das Egoistische Gen (Richard Dawkins, Jubiläumsausgabe 2006, Spektrum Akademischer Verlag). Quelle: http://www.amazon.de/

Die im Buch vertretene Kernthese von Richard Dawkins gibt eine Antwort auf die Frage, wo bei der Evolution die Selektion ansetzt.  Dawkins macht sehr plausibel, daß die Selektion auf die einzelnen Gene als Träger der biologischen Information und nicht – wie zumeist angenommen – auf die einzelnen  Lebewesen wirkt. Die Gene, die am effektivesten für Kopien ihrer selbst sorgen, breiten sich auf Kosten der dabei nicht so effektiven Gene aus Allerdings konkurrieren die einzelnen Gene nicht nur, sondern oft kooperieren sie auch in sogennanten Genkomplexen, um sich gemeinsam besser zu vermehren. Genkomplexe kodieren für Teile oder auch für ganze Lebewesen, die dann als Überlebensmaschinen der Gene dienen. Daraus ergibt sich die prinzipielle Möglichkeit eines „Interessengegensatzes“ zwischen den Genen und den aus ihnen hervorgehenden Lebewesen. Was der Vermehrung seiner Gene dient, kann durchaus das Überleben des Lebewesens selbst gefährden. Wichtig ist nur, daß zuvor noch möglichst viele Nachkommen als Träger der Gene gezeugt werden konnten. Manchmal agieren Gene (oder Genkomplexe) aber auch außerhalb von Lebewesen auf eigene Faust. Als Viren ohne eigenen Stoffwechsel nehmen sie dann die Stoffwechselmaschinerie von Lebewesen in Beschlag und benutzen diese zu ihrer eigenen Vermehrung.

Jens Christian Heuer