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Posts Tagged ‘Eichelhäher’

Der Eichelhäher (Garrulus Glandarius) ist ein in Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten und in Asien bis Indochina beheimateter Rabenvogel, der vorwiegend in Wäldern lebt. Er besetzt zwar ganzjährig ein Revier, verteidigt dieses aber nur während der Brutzeit. Ansonsten bilden mehrere Vögel lockere Verbände. Im Sommer ernähren sich Eichelhäher vorwiegend von tierischer Nahrung (Insekten, Vogeleier, Jungvögel, kleine Reptilien und Säugetiere), im Winter dagegen vorwiegend von pflanzlicher Nahrung (Eicheln, Nüsse, Getreide, Beeren, Steinfrüchte).

Der Eichelhäher (Garrulus Glandarius) gehört zu den Rabenvögeln (Corvidae), welche durchweg eine hohe Intelligenz besitzen. Quelle: Wikipedia

Bei einem ausgeklügelten Fütterungsexperiment der beiden britischen Verhaltensforscherinnen Lucy Cheke und Nicola Clayton an der University of Cambridge (nordöstlich von London) zeigten die Vögel Fähigkeiten, wie man sie sonst bisher nur vom Menschen und den Menschenaffen kennt. Die Eichelhäher sind offenbar in der Lage in die Zukunft voraus zu denken und entsprechend zu handeln.

Das Experiment lief in 3 Stufen über 3 Tage ab, welche mehrfach wiederholt wurden. Als Futter bekamen die Eichelhäher Erdnüsse und Rosinen (bei einzelnen Tieren, welche diese nicht mochten gab es Fettpellets) zusammen oder einzeln dargeboten. Sie bekamen zusätzlich die Möglichkeit in verschliessbaren Boxen Vorräte anzulegen. Am 1. Tag wurden die Vögel zum Beispiel mit Erdnüssen vorgefüttert. Nach einer Pause bekamen sie anschließend Erdnüsse und Rosinen vorgesetzt. Sie konnten diese direkt verzehren oder auf zwei unterschiedlich gefärbte (zum Beispiel eine rote und eine blaue) Vorratsboxen verteilen. Da sie schon eine Menge Erdnüsse vorab verzehrt hatten, hielten sich die Vögel vorwiegend an die Rosinen. Am 2.Tag gab es nur die Erdnüsse, daneben konnten sie aber auch die gesammelte Nahrung aus der roten Box entnehmen (die blaue Box blieb verschlossen). Am 3.Tag waren es dann die Rosinen und die blaue Box (die rote Box blieb verschlossen). Dann begann wieder alles von vorne mit den 3.Stufen hintereinander und dann noch einmal.

Erstaunlicherweise durchschauten die Eichelhäher die Situation.  Als ihnen wieder  Erdnüsse und Rosinen vorgesetzt wurden, verzehrten sie wegen der vorgefütterten Erdnüsse zwar wie erwartet erneut  hauptsächlich Rosinen, doch beim Anlegen der Vorräte sah das jetzt ganz anders aus. Die Vögel legten Rosinen in die rote und Erdnüsse in die blaue Box und fanden damit die einzig richtige Lösung, um an eine möglichst abwechslungsreiche Kost zu kommen! Am Folgetag, an dem es nach der Speisefolge nur Erdnüsse gab, konnten sie sich bei dem Rosinenvorrat aus der offenen roten Box bedienen, um dann wiederum einen Tag später, da gab es ja nur Rosinen, den Zugriff auf die offene blaue Box mit dem Erdnußvorrat zu haben. An allen 3 Tagen eines Durchgangs kamen die Eichelhäher also an Erdnüsse und Rosinen heran, weil sie die Speisefolge begriffen und daraus ihr optimales Handeln in der Zukunft hergeleitet hatten.

Ablauf des Fütterungsexperiments: In der 1.Stufe (stage 1), am 1.Tag wurden die Eichelhäher mit Erdnüssen (food A) vorgefüttert. Nach einer Pause bekamen die Vögel Erdnüsse und Rosinen (food A+B). Diese konnten sie nicht nur sofort verzehren, sondern es gab auch die Möglichkeit Vorräte zu sammeln und auf zwei unterschiedlich gefärbte Boxen (tray 1, tray 2) zu verteilen. In der 2.Stufe (stage 2), am 2.Tag wurden nur Erdnüsse (food A)gefüttert, aber die Vögel konnten sich an einer der beiden Vorratsboxen (tray 1) bedienen (retrieval). In der Stufe 3 (stage 3), am 3.Tag gab es nur Rosinen (food B), aber die andere Vorratsbox (tray 2) war offen (retrieval). Die Eichelhäher durchschauten die Speisefolge und planten in die Zukunft. Sie verteilten in den nächsten Durchgängen Erdnüsse und Rosinen (food A+B) so auf die Vorratsboxen, daß sie nicht nur am 1.Tag, sondern auch an den beiden Folgetagen 2 und 3 immer beides zur Verfügung hatten. So sorgten die intelligenten Vögel für eine abwechslungsreiche Kost.  Quelle: biology letters 

Eine unglaubliche Leistung, welche die Fähigkeit voraussetzt, geistig in die Zukunft zu reisen (Mental Time Travel), um zu gegebener Zeit genau das Richtige zu tun. Die Möglichkeit des Mental Time Travel ist aber zugleich auch die wichtigste Eigenschaft des menschlichen Bewußtseins. Dieses beruht auf einem inneren Erlebnisraum, in dem die äußere Umwelt  einschließlich der eigenen Person simuliert wird. Dabei ist sowohl eine Simulation der erlebten Vergangenheit für das subjektive Erinnern, als auch eine Simulation der (möglichen) Zukunft für das planerische Denken möglich. Zu beidem sind die Eichelhäher offensichtlich in der Lage. Haben die Eichelhäher – und vielleicht auch noch andere Rabenvögel, die man bisher daraufhin noch nicht näher untersucht hat – demzufolge auch ein Bewußtsein?

Jens Christian Heuer

Quelle: Eurasian jays (Garrulus glandarius) overcome their current desires to anticipate two distinct future needs and plan for them appropriately (Lucy G.Cheke and Nicola S. Clayton) in biology letters

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