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Der Sozialpsychologe Leon Festinger (1919-1989) revolutionierte  in den 1950er Jahren mit seiner Theorie der Kognitiven Dissonanz die Psychologie. Erstmals befasste sich eine Theorie der wissenschaftlichen Psychologie  mit der  Dynamik  der menschlichen Psyche. Das hatte  zwar auch schon die Psychoanalyse des Wiener Nervenarztes Sigmund Freud (1856 –1939) versucht, doch wissenschaftlich anerkannt wurde sie nie. Festinger war kein Psychoanalytiker,  stieß jedoch auf ganz ähnliche Phänomene wie  Freud mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor.  

Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR)

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind Raucher und eine gute Zigarette gehört für Sie einfach zum Leben dazu. Doch immer immer wieder hören und lesen Sie von den gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens. Und Sie leiden auch bereits unter dem typischen morgendlichen Raucherhusten. Ihr Hausarzt hat Ihnen deshalb schon wiederholt geraten, endlich mit dem Rauchen  aufzuhören.  Auf den Genuß Ihrer Zigarette verzichten möchten Sie aber ganz und gar nicht! Was also tun? Wie mit diesen einander widerstreitenden Gedanken und Empfindungen – in der Fachsprache der Psychologie zusammenfassend auch Kognitionen genannt – nun weiter umgehen? 

 

Leon Festinger (1919-1989)  Quelle: Wikipedia

Eine solche Konfliktsituation beschreibt Festinger als Kognitive Dissonanz (KD). Zwei oder mehrere eigene Kognitionen stehen im Widerspruch zueinander und erzeugen ein unangenehmes Gefühl, einen psychischen Mißklang (Dissonanz) und dadurch eine innere Spannung, die nach Auflösung verlangt

Das gelingt  durch die sogenannte Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) auf zwei Wegen: Entweder werden die schwächeren, leichter veränderlichen Kognitionen gegenüber den stärkeren Kognitionen so umgeändert, daß die Dissonanzen verschwinden oder aber es werden zusätzliche konsonante (wohlklingende) Kognitionen dazugefügt. Vollendete Handlungen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen  und über viele Jahre liebgewonnene Gewohnheiten sind immer mit starken Kognitionen verbunden.

Im Falle des Rauchens wäre es natürlich am Besten, ganz damit aufzuhören. Doch oft gelingt das nicht. Es kommt zur Kognitiven Dissonaz Reduktion: Die Informationen über die Gefährlichkeit des Rauchens werden relativiert („Es ist ja noch nichts eindeutig bewiesen“, „Auch Nichtraucher bekommen immer wieder Lungenkrebs.“ usw.) oder aus dem Bewusstsein verbannt (Verdrängung) oder aber positive Gedanken über das Rauchen (Konsonante Kognitionen) hinzugefügt („Rauchen ist gut für meine Nerven.“  „Wenn ich mit dem Rauchen aufhöre, werde ich zu dick.“ „Mein Großvater hat immer geraucht und ist trotzdem 90 Jahre alt geworden.“ usw.). Nicht das Handeln wird verändert, sondern lediglich wie man darüber denkt und fühlt!

Die Theorie der Kognitiven Dissonanz wurde wiederholt auch wissenschaftlich bewiesen. Zwei Beispiele:

In dem klassischen Experiment zur Kognitiven Dissonanz von Festinger und Carlsmith (1959) mussten die Versuchspersonen monotone, langweilige und sinnlos erscheinende Tätigkeiten ausüben. (Schrauben in ein Brett drehen und um 90° drehen, Schrauben wieder aus dem Brett herausdrehen usw.).Die Versuchspersonen bewerteten ihre Tätigkeiten natürlich sehr negativ. Nach einer längeren „Arbeitszeit“ war das Experiment (scheinbar) vorüber, und die Versuchspersonen durften gehen. Später wurden sie aber, als „ehemalige“ Teilnehmer des Experiments um den Gefallen gebeten, „neue“ Teilnehmer zu gewinnen und davon zu überzeugen, dass das Experiment nicht langweilig, sondern sehr interessant sei. Einige der „Ehemaligen“ bekamen 20 $ für diesen Gefallen, andere nur 1 $ und ein weiterer Teil, die Kontrollgruppe wurde erst gar nicht darum gebeten. Nach ihrer Überzeugungsarbeit, die ihnen ja eine Lüge abverlangte, wurden die „Ehemaligen“ gebeten, ihre Schrauben-Dreh-Tätigkeit noch einmal rückwirkend neu zu bewerten. Diejenigen, die nur 1 $ bekommen hatten, schätzten diese nun deutlich positiver ein als zuvor und positiver als diejenigen, die 20 $ bekamen oder zur Kontrollgruppe gehörten. Festinger und Carlsmith erkannten eine Kognitive Dissonanz bei den „Ehemaligen“, da diese den „Neuen“ eine Tätigkeit als interessant anpreisen sollten, die sie selber in Wirklichkeit als sehr langweilig empfunden hatten. Die „Ehemaligen“, die 20 $ für ihre Lüge bekamen, sahen darin eine ausreichende (finanzielle) Rechtfertigung. Ihre Kognitive Dissonanz war somit ausgeglichen.Die „Ehemaligen“ aber, die nur 1 $ erhielten, änderten ihre eigenen Ansichten über die zunächst von ihnen als langweilig angesehene Schrauben-Dreh-Tätigkeit. Da sie für ihre Lügen gegenüber den „Neuen“ keine ausreichende (finanzielle) Rechtfertigung gehabt hatten, blieb ihre Kognitive Dissonanz offensichtlich bestehen und führte dann zur Einstellungsänderung.

Zur Verminderung der Dissonanz (Eine langweilige Arbeit anderen gegenüber als interessant ausgeben!) genügte der 20$-Gruppe das Geld. Die 1$-Gruppe änderte dagegen ihre innere Einstellung. Der langweiligen Arbeit wurde nun positive Seiten abgewonnen.  Quelle: http://www.hahnzog.de/

Laut Festinger und Carlsmith halten viele Menschen eher eine zunächst offensichtliche Lüge nach einiger Zeit für wahr, als ohne ausreichende Rechtfertigung bewußt zu lügen, wenn sie denn mit Nachdruck dazu aufgefordert werden!

Aronson und Carlsmith (1963) experimentierten mit drei- bis vierjährigen Kindern. Zunächst wurde festgestellt wie beliebt verschiedene angebotene Spielzeuge bei den Kindern waren. Dann verbot der Versuchsleiter den Kindern während seiner Abwesenheit ein bestimmtes, sehr beliebtes Spielzeug zu benutzen. Dazu wurde die Gruppe der Kinder zweigeteilt. Bei der einen Hälfte war das Verbot sehr streng mit der Androhung einerStrafe. Bei der anderen Hälfte war das Verbot eher eine freundliche Bitte. Der Versuchsleiter verliess anschließend für eine Weile den Raum. Alle Kinder hielten sich an das Verbot. Dann wurden erneut bei allen Kinder festgestellt, wie beliebt die verschiedenen Spielzeuge waren. Bei den Kindern mit dem strengen Verbot änderte sich nichts, doch bei den Kindern mit dem freundlichen Verbot hatte die Beliebtheit des verbotenen Spielzeuges gegenüber den anderen Spielzeugen deutlich abgenomen.

Das Verbot hatte in beidenFällen die Kinder dazu gebracht, gegen ihre eigene innere Einstellung zu handeln, denn sie hatten das von ihnen eigentlich gewünschte Spielzeug  ja gemieden. Eine Kognitive Dissonanz enstand aber nur bei denjenigen Kindern, welchen das gewünschte Spielzeugdenen auf eine sanfte Art verboten worden war, denn hier fehlte eine gute Begründung sich an das Verbot zu halten. Genau diese Begründung bekamen aber die anderen Kinder durch das strenge Verbot!

Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) in einer Tierfabel der Antike. Quelle: http://www.medienwerkstatt-online.de/ (verändert)

Die Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR) kommt sehr häufig vor. Man findet sie überall nicht nur im Alltagsleben, sondern zum Beispiel auch in Politik,  und Religion!

Verdrängung

Die Psychoanalyse des Wiener Nervenarztes Sigmund Freud (1856-1939) beschäftigt sich wie die Theorie der Kognitiven Dissonanz mit psychischen Konfliktsituationen. Freud entdeckte das Unbewußte und die Verdrängung. Gedanken, Erlebnisse, Erinnerungen, Empfindungen und Wünsche, die das Bewußtsein als unangenehm oder gar schmerzhaft wahrnimmt, werden verdrängt und damit dem Bewußtsein entzogen. Sie werden unbewußt und ein innerer Widerstand sorgt dafür, daß sie es auch bleiben.

Sigmund Freud (1856-1939) Quelle: Wikipedia

Das Verdrängte macht sich aber trotzdem immer wieder bemerkbar, in Träumen, als Fehlleistungen (Freudsche Versprecher, vorübergehende Erinnerungsblockaden, Verlegen und Verlieren von Gegenständen usw.), aber auch im Verhalten, ohne daß die  betroffenen Personen sich erklären können, was wirklich vorgeht. Auslöser sind häufig aktuelle Wahrnehmingen, die irgendwie an das Verdrängte erinnern. Verdrängung beeinträchtigt das Lebensglück und kann in eine psychische Erkrankung münden. Die Psychoanalyse versucht das Verdrängte wieder bewußt zu machen, denn nur so wird es möglich, nach einer Lösung für den zugrundeliegenden Konflikt zu suchen.

Die Psychoanalyse bedient sich dazu der Methode der freien Assoziation. Dabei muß der Betroffene alle seine spontanen Einfälle dem Analytiker mitteilen, beispielsweise zu einem Traum oder zu einer Fehlleistung, ganz unabhängig davon, ob diese Einfälle ihm unsinnig, unpassend oder gar anstössig erscheinen. Die Assoziationen ergeben  der Erfahrung nach immer  ein Netzwerk  sinnvoller Zusammenhänge. Sie gehorchen dem Prinzip von Ursache und Wirkung (Kausalitätsprinzip) und ergeben eben nicht ein wildes Durcheinander! Das legt die psychoanalytische Theorie auch nahe, denn Träume und Fehlleistungen sind ja danach kein Zufall, sondern werden durch das ins Unbewußte Verdrängte bestimmt.  Das Verdrängte wird wieder bewußt. 

Was bei Freud die Verdrängung, ist bei Festinger die Kognitive Dissonanz Reduktion (KDR)! Beide sind Ausdruck der durch Konfliktsituationen ausgelösten psychischen Dynamik.

Jens Christian Heuer

Quellen: Werner Herkner: Lehrbuch Sozialpsychologie, Verlag Hans Huber 1991, Sigmund Freud: Darstellungen der Psychoanalyse, Fischer-Taschenbuch 1969, Wikipedia

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