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Posts Tagged ‘Kindheitserfahrungen’

Lloyd de Mause (geb. 1931) Quelle: Wikipedia

Schon bei intelligenten Tieren bestimmen die Kindheitserfahrungen Charakter und Verhalten. Das konnte der  Verhaltensforscher Darius Maestripieri an der Universität von Chicago in einem besonders eindrucksvollen Experiment beweisen (Dario Maestripieri: „Early experience affects the intergenerational transmission of infant abuse in rhesus monkeys“; http://www.pnas.org/). Der Wissenschaftler untersuchte bei Rhesusaffen inwieweit und wieso in manchen Affenfamilien Gewalt herrscht und von Generation zu Generation weitergegeben wird in anderen aber nicht. Rhesusaffen-Mütter in gewalttätigen Familien mißhandeln ihre Kinder während der ersten Lebensmonate. Sie beißen und schlagen sie, zerren sie grob am Schwanz oder an einem Bein und werfen sie durch die Luft, als Bestrafung oder einfach nur so. Maestripieri wollte nun wissen, ob dieses Verhalten in den gewalttätigen Affenfamilien weitervererbt oder in der Kindheit jeweils neu erlernt und so von Generation zu Generation weitergegeben wird. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf den Menschen ziehen, wo es ja auch Familien mit und ohne eine Tradition der Gewalttätigkeit gibt. Um diese Frage zu klären, nahmen sie neugeborene Affenbabys ihren Müttern weg und ließen sie von Adoptivmüttern großziehen. Kinder friedlicher Mütter kamen zu gewalttätigen Adoptivmüttern und Kinder gewalttätiger Mütter zu friedlichen Adoptivmüttern. Deutlich über die Hälfte aller Kinder friedlicher Mütter, die bei gewalttätigen Müttern aufwuchsen, mißhandelten später ihre eigenen Kinder. Eine beachtliche Minderheit tat das aber nicht, trotz der in ihrer Kindheit erfahrenen Mißhandlungen! Von den Kindern gewalttätiger Mütter, die bei friedlichen Adoptivmüttern groß wurden, mißhandelte jedoch kein einziges als erwachsenes Tier seine Kinder! Gewalttätiges Verhalten wird also nicht  vererbt, sondern in der Kindheit erlernt! Warum mißhandelten aber nicht alle Rhesusaffen mit schlechten Kindheitserfahrungen später ihre eigenen Kinder? Übernahmen sie vielleicht nicht einfach nur das Verhalten ihrer gewalttätigen Mütter, sondern lernten stattdessen dazu und machten es dann später besser? Maestripieri hat bisher keine Antwort auf diese interessante Frage gefunden, eine Frage die sich natürlich auch im Falle der Weitergabe von Gewalt in menschlichen Familien stellt.

Eltern und Kinder

Lloyd de Mauses psychogenetische Theorie der Geschichte gibt womöglich die Antwort: Jeder Mensch durchlebt seine Kindheitserfahrungen zweimal, einmal als Kind und dann als Erwachsener mit seinen eigenen Kindern. Dieses zweite Wiedererleben der Kindheit eröffnet die Möglichkeit, als  Erwachsener die eigenen Ängste und Probleme beim zweiten Versuch besser zu bewältigen, sich also in seine eigenen Kinder hineinzuversetzen und  dazuzulernen.  Dann kann er seine eigenen Kinder  besser behandeln als er selber in seiner Kindheit behandelt wurde. Dieser persönliche Wandel wird zum gesellschaftlichen Wandel, wenn das ausreichend vielen Erwachsenen gelingt!

Erwachsene können auf drei verschiedene Art und Weisen auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren:

1. Projektive Reaktion: Die in der Kindheit verwehrten Wünsche werden in den Ansprüchen der eigenen Kinder (unbewußt) wiedererkannt. Wenn die Eltern diese Wünsche übergangen,  harsch abgelehnt oder sie sogar bestraft haben, dann sind diee Wünsche aus der Kindheit mit Angst und Schuldgefühlen besetzt. Als Kind verdrängt sie  daher sehr oft ins Unbewußte. Im Zusammensein mit den eigenen Kindern werden die verdrängten Ängste  wieder wach, was erhebliches Unbehagen bereitet. Die Ängste werden abgewehrt, indem sich der Erwachsene gegenüber den eigenen Kindern ebenso verhält, wie er es damals von seinen Eltern erfahren hat. Er identifiziert sich mit dem früher als falsch empfundenen Verhalten der Eltern, er unterwirft sich einem verinnerlichten Eltern-Ich. Dabei geht ein ganz erhebliches Stück an persönlicher Ich-Stärke verloren. Bei dieser Reaktion geht es letztendlich mehr um den Erwachsenen selbst als um sein Kind. Der Erwachsene erkennt in seinem Kind die verbotenen Wünsche aus der eigenen Kindheit wieder und bekämpft sie dann im Auftrag seines Eltern-Ichs (Projektion). Die wirklichen Bedürfnisse des eigenen Kindes bleiben dabei außen vor. Gelingt es dem Erwachsenen jedoch, sich ein Stück weit in sein Kind einzufühlen, so kann er die eigenen Projektionen zurückdrängen und seinem Kind etwas mehr zugestehen, als das früher seine Eltern ihm gegenüber getan haben.

Die Projektion wirkt auch über die Eltern-Kind-Beziehungen hinaus bis in die Politik. Wem als Kind von den Eltern nur wenige Ansprüche und Wünsche zugestanden wurden, der wird sich als Erwachsener wahrscheinlich über das „Anspruchsdenken“ der Armen empören und (beinahe) jede soziale Unterstützung als zu hoch empfinden. In der Bedürftigkeit der Armen erkennt er sich selbst als bedürftiges Kind wieder, und die Projektion wird sofort wirksam. Wie es das verimnnerlichte, strenge Eltern-Ich vorschreibt, werden die Ansprüche der Armen abgelehnt. Aber das ist noch nicht alles: Geht es Menschen, die streng erzogen wurden wirtschaftlich “zu gut“, so entwickeln sie Schuldgefühle und beginnen unbewußt den eigenen Erfolg zu sabotieren. Auf gesellschaftlicher Ebene ist ein solches Verhalten womöglich sogar ´der Auslöser von Wirtschaftskrisen. Bei durch ihre Kindheit entsprechend disponierten Personen kann durch vom Unbewußten „gewollte“ Fehlentscheidungen (Fehlinvestitionen von Unternehmern, Fehlspekulationen an der Börse oder von Seiten der Regierung ein übertriebenes Zurückfahren staatlicher Investitionen) ein wirtschaftlicher  Aufschwung, der zu Wohlstand aber auch Schuldgefühlen führt (Eltern-Ich: „Es geht mir zu gut, dafür muß ich mich bestrafen!“) gestoppt und in eine Rezession überführt werden. Diese Rezession, durch die es allen schlechter geht, hilft dabei, die Schuldgefühle wieder  abzubauen. Hinterher „erlaubt“ das Eltern-Ich wieder einen wirtschaftlichen Aufschwung und das ganze Spiel kann wieder von vorne losgehen. Lloyd de Mause liefert mit diesem psychischen Mechanismus eine schlüssige Theorie der Konjunkturzyklen in der Wirtschaft.

2. Umkehr-Reaktion: Das Kind dient als Ersatzperson für eine wichtige Person aus der eigenen Kindheit. Der Erwachsene  erwartet von seinem Kind die Liebe und Zuneigung, welche er bei seinen eigenen Eltern früher so schmerzlich vermisst hat. Enttäuscht das eigene Kind diese letztlich unerfüllbaren Erwartungen, so wird es bestraft. Wenn ein Säugling durch sein Schreien der Mutter das Gefühl gibt, nicht geliebt zu werden, so wird er aus Enttäuschung geschlagen. Wieder geht es eigentlich nur um die Bedürfnisse des Erwachsenen und nicht um die Bedürfnisse des eigenen Kindes. Auch die Umkehr-Reaktion kann durch ein Hineinfühlen in das eigene Kind abgebaut werden. Projektion und Umkehr-Reaktion treten oft auch gemeinsam auf. Das Kind erscheint dann einerseits als schlecht, hat aber auch andererseits liebevoll zu sein.

3. Mitfühlende Reaktion (Empathie): Der Erwachsene kann sich in sein Kind einfühlen, seine Bedürnisse verstehen und sie soweit möglich zu erfüllen versuchen. Projektion und Umkehr-Reaktion entfallen. Der Erwachsene unterlässt es sein Kind zu bestrafen, entschuldigt sich wenn er es ungerecht behandelt hat und hilft ihm dabei ein selbstständiger Mensch zu werden. Kurz gesagt, der Erwachsene ist seinen Kindern ein Beschützer und Freund.

Untersuchungen von Lloyd de Mause, aber auch von anderen Wissenschaftlern belegen, daß es eine regelrechte Evolution in der Behandlung der Kinder durch ihre Eltern gegeben hat. Eltern und Kinder sind sich im Laufe der menschlichen Geschichte nach und nach menschlich immer näher gekommen. Die Eltern schafften es, sich immer mehr in die Bedürfnisse ihrer Kinder einzufühlen. Sie kümmerten sich besser um sie und straften sie weniger. Das war ein langer, mühsamer Prozeß, der in verschiedenen Ländern unterschiedlich schnell ablief und bei dem es auch immer wieder Rückschläge gab.

Praktiken der Kindererziehung

Lloyd de Mause unterscheidet 6 Formen der Kindererziehung, die nacheinander vorherrschend in ihrer jeweiligen Zeit waren. Daneben existierten aber auch immer auch noch ältere, rückständige Formen weiter. Die zeitlichen Angaben beziehen sich auf das westliche Europa, wo die Geschichte der Kindheit bisher am besten untersucht ist.

1. Kindesmord (Vorzeit bis Antike 4. Jahrhundert n.Chr.):

In der Antike war der Kindesmord leider eine alltägliche Praxis. Überzählige oder unerwünschte Kinder wurden regelmäßig getötet, indem man sie erschlug, erstickte, ertränkte oder in der Wildnis aussetzte. Bei den überlebenden Kindern, die das mitansehen mußten, hinterließen entsprechende Erlebnisse schwere seelische Verletzungen (Traumata). Um die eigenen, unerträglichen Ängste loszuwerden, identifizierten sich die meisten Kinder der damaligen Zeit mit dem Tun ihrer Eltern. Sie verinnerlichten ein kindesmörderisches Eltern-Ich. Immer dann, wenn die eigenen Kinder mit ihrer Hilflosigkeit die alten verdrängten Kindheitsängste wieder wachrief, trieb es sie als Erwachsene zum Kindesmord. Die Kinder, welche weiterleben durften wurden häufig schlecht behandel und oft geschlagen. Auch der der sexuelle Mißbrauch von Kindern war in der Antike weit verbreitet.

Die einzige rühmliche Ausnahme waren damals die Juden. Bei ihnen galten schon die Kinder als vollwertige Menschen! In ihrem heiligen Buch der Tora, das als die 5. Bücher Mose Eingang in die Bibel fand, war der Kindesmord ausdrücklich verboten. Das war schon etwas ganz Besonderes in einer Zeit, in der Kindesmord ein übliches Mittel der Familienplanung und, gesellschaftlich allgemein akzeptiert war!

2. Weggabe (Beginn 1., vorherrschend 4. – 13. Jahrhundert): Gegen Ende der Antike wurde unter dem Einfluß des Christentums, das ja direkt aus dem Judentum hervorgangen war, die Praxis des Kindesmordes in der Gesellschaft langsam zurückgedrängt. Nach wie vor waren die Projektionen der Erwachsenen aber sehr stark. Kinder galten von Geburt an als vom Bösen befallen. (Erbsünde). Die Strafen waren dementsprechend sehr hart (Auspeitschen, Stockschläge). Die Ängste, die Kinder bei ihren Eltern wachriefen wurden hauptsächlich durch Weggabe bewältigt. Die Kinder kamen zu Ammen, wurden in Klöster gegeben oder mußten als Diener in fremden Haushalten arbeiten. Gerade die Ammen vernachlässigten die ihnen „anvertrauten“ Kinder oft so sehr, daß viele an Mangelernährung und Krankheiten infolge schlechter Pflege starben. In solchen Fällen ersetzte also lediglich der mittelbare den unmittelbaren Kindesmord.

Daneben erlebten die Kinder nach wie vor häufig sexuellen Mißbrauch (Umkehr-Reaktion).

Trotz alledem, für die Kinder welche überlebten, war Verlassenwerden und Vernachlässigung immerhin nicht ganz so schlimm, wie mitansehen zu müssen, wenn die eigenen Geschwister oder andere Mitkinder ermordet werden. Es blieb den Kindern die verzweifelte Hoffnung auf elterliche Liebe. Wenn man sie keine Ansprüche stellten, würde ihr armseliges Dasein vielleicht irgendwann doch das Mitleid der Eltern erregen. Später, als Erwachsene, waren sie von Verlassenheitsängsten beherrscht. Die Hoffnung auf Liebe richtete sich nun, stellvertretend für die eigenen Eltern, vor auf  Gott als Vater und auf die Jungfrau Maria als Mutter. Durch eine asketische, selbstbestrafende Lebensweise suchten sie nach Vergebung ihrer Sünden. („Erlösung vom Bösen“). Das Vorbild war Jesus, der gekreuzigte Sohn Gottes, der mit seinem Leiden die Menschheit erlöst hatte. Das weltliche Gegenstück zu Gott waren Könige, Fürsten und Bischöfe, bei denen man Halt und Schutz suchte. Daraus bezog das Gesellschaftssystem des Feudalismus seine Stabilität.

Kindheit in vergangenen Zeiten Quelle: Lloyd de Mause (http://www.psychohistory.com/)

3. Ambivalenz (Zwiespältigkeit; Beginn 12., vorherrschend 13.-17. Jahrhundert): Im späten Mittelalter entwickelten die Eltern mehr Gefühle für ihre Kinder. Aber ihre sehr starken Projektionen brachten sie dazu, gleichzeitig immer noch das vermeintlich Böse im Kinde zu bekämpfen. Durch das Wickeln machte man die Kinder nach der Geburt über viele Monate nahezu bewegungsunfähig, da man befürchtete, sie würden sich ansonsten selbst verletzten. Nach dem Wickeln bekamen die Kinder dann Gängelbänder, Geradehalter und Korsetts oder wurden irgendwo festgebunden, um sie so unter Kontrolle zu halten. Durch Einläufe versuchte man das Böse und Unreine aus den Kindern herauszubekommen. Andererseits machte man sich Eltern aber erstmals auch Gedanken über die geistige und moralische Erziehung der Kinder. Die Hauptverantwortung dafür sahen sie nun bei sich selbst, daneben aber auch bei  den Schulen. Die ersten Erziehungsratgeber wurden geschrieben. Verprügelt wurde aber nach wie vor.

Als Folge ihrer Kindheit wiesen die Erwachsenen zumeist eine gespaltene Persönlichkeit auf. Sie waren emotional instabil und unterlagen plötzlichen Stimmungsschwankungen. Doch die etwas bessere Behandlung ließ auch mehr wirtschaftlichen Wohlstand zu, da die Schuldgefühle wegen „des einem zu gut gehens“ nicht mehr ganz so schnell einsetzten.

4. Intrusion (Aufdringlichkeit; Beginn 16., vorherrschend 17.-19. Jahrhundert): Am Beginn der Neuzeit kam es zu einem tiefgreifenden Wandel bei der Behandlung der Kinder. Die Projektionen nahmen ab, so daß sich die Eltern mehr auf ihre Kinder einlassen konnten: Die Weggabe kam langsam außer Mode. Stattdessen kümmerten sich vor allem die Mütter immer häufiger selbst um ihre Kinder. Diese wurden jetzt nicht nur ausreichend ernährt, sondern  vielfach auch nicht mehr gewickelt. Zusammen mit der in der Medizin neu aufkommenden Kinderheilkunde und einer verbesserten Hygiene führte das zu einem deutlichen Rückgang der Kindersterblichkeit. Mit Drohungen, Schuldgefühlen und Strafen versuchten die Eltern den Willen ihrer Kinder zu kontrollieren und sie zu absolutem Gehorsam zu erziehen. Als wichtig galten die Kontrolle der kindlichen Sexualität (Unterbindung kindlicher Masturbation, Trennung von Mädchen und Jungen in den Schulen) und die Reinlichkeitserziehung (Kontrolle der kindlichen Ausscheidungen, aber keine Einläufe mehr). Bei der Bestrafung nicht folgsamer Kinder wurde seltener und weniger brutal geschlagen, aber dafür wurden die Kinder stunden- , manchmal sogar tagelange in dunklen Räumen bei Wasser und Brot eingesperrt oder man schüchterte sie mit furchterregenden Fantasiegestalten („der schwarze Mann“) ein.

Die insgesamt deutlich verbesserte Behandlung in der Kindheit hinterließ bei den Erwachsenen weniger seeliche Wunden. Sie waren nun eher in der Lage sich ihren Ängsten “nicht geliebt zu werden“ zu stellen, anstatt ihnen wie vorher, durch unterwürfiges, selbstbestrafendes Verhalten immer nur auszuweichen. Das brachte einen Zugewinn an Selbstbewußtsein aber auch eine große Traurigkeit. Daher litten die Kinder der damaligen Zeit als Erwachsene oft unter Depressionen. Das größere Selbstbewußsein machte die großen Fortschritte der Renaissance hin zu mehr Freiheit möglich: Die Macht der Könige, des Adels und der Kirche wurden in Frage gestellt, Kunst und Wissenschaften lösten sich von den Fesseln der Religion, die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung (weniger Schuldgefühle bei mehr Wohlstand!) und es brach die Zeit der großen Entdeckungsreisen an. Ein interessantes Anschauungsbeispiel für den Übergang vom ambivalenten in den intrusiven Erziehungsstil bietet die Geschichte der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Es begann mit einer Auswanderungswelle von England nach Nordamerika. Es begann mit der Gründung der nordamerikanischen Kolonien Englands im 17. Jahrhundert. Unter den Auswanderern, hauptsächlich mittelständische Puritanerfamilien, waren viele innovative Eltern, die bereit waren neue, menschlichere Formen der Kindererziehung zu versuchen. Im Gegensatz zu den meisten Eltern in England praktizierten  sie bereits die intrusive Erziehungsform. In ihrer neuen Heimat Nordamerika fehlte der gesellschaftliche Druck, die traditionellen und rückständigeren Erziehungsmethoden beizubehalten. So wurde in der neuen Gesellschaft ein großer Sprung nach vorne möglich, weg von der ambivalenten, hin zu der intrusiven Erziehungsform. Schon wenige Generationen später, am Ende des 17. Jahrhunderts waren die Unterschiede sehr deutlich:  Im Gegensatz zu England und dem übrigen Europa kam in den nordamerikanischen Kolonien  Kindesmord kaum mehr vor. Das ist ablesbar an dem damals schon nahezu ausgeglichenen Verhältnis von Jungen und Mädchen, denn in Ländern, wo der Kindesmord praktiziert wurde, galten vor allem Mädchen als unerwünschte Kinder, so daß unter den Kindern stets die Jungen überwogen. Findelhäuser, in England und auch im übrigen Europa noch weit verbreitet, waren unnötig geworden, denn die Weggabe von Kindern gab es praktisch nicht mehr. Ebenso war es mit der Praxis des Wickelns. Sogar das Schlagen von Kindern durch die Eltern und in der Schule wurde schon prinzipiell in Frage gestellt. Besucher aus Europa beklagten sich über die „verderbten“und  “verwöhnten“ Kinder in Nordamerika, den “kleinen Haustyrannen“ ihrer Eltern.

England führt seine nordamerikanischen Kolonien am Gängelband (1777). Auf diese Weise wurden damals widerspenstige Kinder diszipliniert. Es handelt sich um eine sogenannte Gruppenfantasie, bei der Kindheitserfahrungen in der Politik wiederaufgeführt werden (s.u.). Quelle: Lloyd de Mause (http://www.lloyddemause.com/)

Am Ende des 18. Jahrhunderts (1783) erkämpften die nordamerikanischen Kolonien die Unabhängigkeit von England und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Der in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 proklamierte neue Staat war im Gegensatz zum monarchistisch-feudalen „Mutterland“ England eine Republik freier und gleicher Bürger!

5. Sozialisation (Anpassung; Beginn 18., vorherrschend 19. – 21. Jahrhundert): Diese Erziehungsform ist auch heute noch die häufigste. Durch einen starken Rückgang der Projektionen ist sehr viel Zuneigung zwischen Erwachsenen und Kindern möglich. Auch die Väter kümmern sich jetzt mehr um ihre Kinder. Bisher hatten immer die Mütter die Hauptrolle bei der Kindererziehung gespielt. Nicht mehr  der Gehorsam steht im Vordergrund, sondern die Anpassung des Kindes an die Gesellschaft und ihre Normen. Die Kinder sollen eine gute Ausbildung bekommen und ordentliche Umgangsformen erlernen, um später als Erwachsene erfolgreich zu sein. Körperliche Strafen sind obsolet. Die Eltern ermahnen ihre Kinder stattdessen nur noch („Das tut man nicht!“) und setzen sie wenn „nötig“ seelich unter Druck, oft durch die Erzeugung von Schuldgefühlen. „Erfolg“ und „richtiges Verhalten“ werden mit elterlicher Zuwendung belohnt, “Versagen“ oder „Fehlverhalten“ mit „Liebesentzug“ oder dem Entzug von „Privilegien“  (keine Süßigkeiten mehr, Fernsehverbot, „Hausarrest“) bestraft. Beide Elternteile spielen jetzt aber auch regelmäßig mit ihren Kindern, was in früheren Zeiten nur selten vorkam. Die relativ gute Behandlung in der Kindheit bringt relativ selbstbewußte Erwachsene hervor, mit weniger Schuldgefühlen wenn es ihnen gut geht. Das ermöglicht einen nie gekannten Wirtschaftsaufschwung in den Ländern, wo diese Erziehungsform vorherrschend ist. Berufliches Fortkommen und Erfolg sind für das Selbstwertgefühl entscheidend. Andererseits prägen aber häufig auch Versagenängste die Persönlichkeit, denn in der Kindheit hat man gelernt: Liebe muß man sich verdienen.

6. Unterstützung (Beginn Mitte 20. Jahrhundert, immer noch die Ausnahme): Keine Projektionen und Umkehrreaktionen mehr. Die Erwachsene bemühen sich um ein echtes Verständnis der Kinder. Diese wissen (von seltenen Ausnahmen abgesehen) besser als die Erwachsenen was gut für sie ist und was nicht. Keine Strafen und möglichst auch keine Disziplinarmaßnahmen mehr, sondern versuchen zu überzeugen. Die Erwachsenen helfen den Kindern ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu selbstständigen und freien Menschen zu werden. Statt ihre Kinder zu bevormunden, sind die Eltern Beschützer und Freunde. Demokratische Schule nach dem Prinzip Summerhill. Ergebnis dieser freien Erziehung sind willensstarke, freundliche Erwachsene.

Psychoklassen und Gruppenfantasien

Da es neben den fortschrittlichen, aber immer auch noch ältere, rückständigere Formen des Umgangs mit Kindern gab, teilte  sich menschliche Gesellschaften zu allen Zeiten und überall in sogenannte Psychoklassen. Diese sind nicht unbedingt identisch mit den ökonomischen Klassen. Die Angehörigen einer Psychoklasse teilen gemeinsame Gruppenfantasien, die sich aus ihren gemeinsamen Kindheitserfahrungen speisen und der Bewältigung der diesen entspringenden Ängste dient. Das geschieht durch Wiederaufführung dieser angstbesetzten Kindheitserfahrungen auf der politisch – gesellschaftlichen Ebene.

Die Evolution der 6 verschiedenen Erziehungsformen in Westeuropa und Nordamerika (1. Infanticidal = kindesmörderisch, 2. Abandoning = weggebend, 3. Ambivalent = zwiespältig, 4. Intrusive = aufdringlich, 5. Socializing = anpassend, 6. Helping = unterstützend). Der Umgang mit Kindern wurde mit der Zeit immer menschlicher! Mindestens seit der Spätantike existieren verschiedene Erziehungsformen nebeneinander und führen zur Herausbildung von sogenannten Psychoklassen. Quelle:  Lloyd de Mause (http://www.lloyddemause.com/)

Lloyd de Mause hat eine Methode gefunden, um solche Gruppenfantasien zu erkennen. In der sogenannten Fantasieanalyse werden Presseartikel, politische Ansprachen und Äußerungen, Radio- und Fernsehinterviews u.a.m. auf bestimmte Redewendungen hin durchsucht und diese aufgezeichnet. Dabei geht es um emotional gefärbte Worte und Satzteile, um Methaphern (Bildsprache), Familienbegriffe (Mutter, Vater, Kind, Baby) und verneinende Ausdrücke (die Verneinung wird weggelassen). Fügt man alles in der Reihenfolge wie es gefallen ist zusammen, so ergibt sich ein verborgener  Zusammenhang, ein unbewußter Gehalt. Dabei handelt es sich um die jeweils vorherrschenden Gruppenfantasien, weil man davon ausgehen kann, daß Politiker, Presse, Rundfunk- und Fernsehen die wechselnden Stimmungen in der Bevölkerung erspüren und aufgreifen.

Die politischen Strömungen und Parteien haben ihren Ursprung vor allem in den verschiedenen Psychoklassen. Je freundlicher die Kindheit der Menschen, umso liberaler und aufgeschlossener für gesellschaftlichen Fortschritt sind sie später als Erwachsene. Die politischen Konflikte verlaufen mehr entlang der Psychoklassen als der ökonomischen Klassen. Liberale und reaktionäre Perioden wechseln entsprechend der jeweiligen Kräfteverhältnisse unter den Psychoklassen einander ab.

Die Weiterentwicklung der Erziehungsstile und das Aufeinandertreffen verschiedener Psychoklassen, beides zusammen erzeugt die gesellschaftliche und politische Dynamik, die wir als Geschichte kennen.

Jens Christian Heuer

Quellen: Lloyd de Mause: 1) Hört ihr die Kinder weinen: Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit, Suhrkamp 1980 2) Was ist Psychohistorie?- Eine Grundlegung Psychosozial 2000 3)  Das emotionale Leben der Nationen, Drava 2005

 

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