Feeds:
Beiträge
Kommentare

Ein Wissenschaftlerteam von der britischen Universität Exeter und der deutschen Universität Hamburg hat bei Zebrafinken untersucht inwieweit Persönlichkeitsmerkmale genetisch vererbt oder von den Eltern erlernt werden (Environmental transmission of a personality trait: foster parent exploration behaviour predicts offspring exploration behaviour in zebra finches, biology letters, Mai 2013).

tumblr_mowpwhdimL1sx3fllo1_1280

Zebrafinken Quelle: Wikimedia (Liza Gross)

In der Untersuchung ging es konkret um das Neugierverhalten in fremder Umgebung, ein durch Beobachtung bestimmbares Charaktermerkmal. Die Vögel wurden in zwei Gruppen unterteilt: Die eher neugierigen Vögel schauen sich in einer neuen unbekannten Umgebung alles an, die eher ängstlichen Vögel wagen es dagegen kaum sich umzusehen. 
Beide Gruppen liess man brüten. Der Nachwuchs lebte entweder bei den eigenen biologischen Eltern oder wurde von Elterntieren der jeweils anderen Gruppe adoptiert (Überkreuz- Adoptions-Experiment). Anschließend wurden die Übereinstimmungen im Neugierverhalten verglichen. Dabei zeigte sich beim Nachwuchs überraschenderweise eine deutlich größere Ähnlichkeit im Verhalten mit den Adoptiveltern als mit den biologischen Eltern. Das Persönlichkeitsmerkmal Neugierverhalten wird bei Zebrafinken also nicht genetisch vererbt sondern über die Erfahrungen mit den Eltern erlernt.

Zur Kontrolle der Untersuchungsmethode wurde bei den Zebrafinken auch noch das körperliche Merkmal Größe überprüft. Hier gab es eine hohe Übereinstimmung mit den biologischen Eltern. Die Erblichkeit war also wie erwartet sehr hoch.

Diese Untersuchung hat auch eine erhebliche Bedeutung für die Einschätzung der Persönlichkeitsentwicklung beim Menschen!

Jens Christian Heuer

Rabenvögel sind für ihre außerordentliche Intelligenz bekannt. Sie gebrauchen Werkzeuge und können in die Zukunft planen. Ein aktuelles, wirklich spektakuläres Beispiel kommt aus Rußland. In einem von dem internationalen russischen Fernsehsender Russia Today ausgestrahlten Amateurvideo sieht man eine Krähe, die mit einem vorher irgendwo aufgesammelten Gummi – oder Plastikring als Schlitten, die Schräge eines schneebedecktes Hausdach herunterrodelt!

Ein Spiel, das ihr offensichtlich Vergnügen bereitet.

So einfallsreich sind neben dem Menschen sonst nur noch die großen Menschenaffen und einige Meeressäuger, wie Wale und Delfine.

Jens Christian Heuer

Papierwespen sind sozial lebende, staatenbildende Insekten. Die Angehörigen eines solchen Insektenstaates sind normalerweise alle Kinder eines einzigen weiblichen Tieres, der Königin und erkennen sich gegenseitig am Geruch. Papierwespen bauen ihre Nester aus einer Art Papier, das sie aus zerkautem, mit Speichel vermischten Holz gewinnen. Daher ihr Name. Staatenbildung kommt außer bei Wespen auch noch bei den Ameisen, einigen Bienenarten und den Termiten vor.
 
Die nordamerikanische Papierwespe (Polistes fuscatus) Quelle: Michael Sheehan, University of Michigan
 
Nach Untersuchungen der zwei Biologen Elizabeth Tibbetts und Michael Sheehan von der University of Michigan in den USA zeigen die sozial lebenden nordamerikanischen Papierwespen (Polistes fuscatus) eine außergewöhnliche Besonderheit: Sie verfügen wie der Mensch auch, über ein System der individuellen Gesichtserkennung. Die Fähigkeit sich untereinander individuell an den Gesichtern zu erkennen geht über die bloße Fähigkeit, verschiedene Gegenstände oder Muster zu unterscheiden weit hinaus und ist bisher einzigartig unter allen Insekten! Die Qualität der Gesichterkennung wurde in einem T-Labyrinth getestet. Am Ende der beiden Arme des T präsentierten die Wissenschaftler den Wespen unterschiedliche Bilder. Gezeigt wurden entweder zwei reale Gesichter unterschiedlicher erwachsener Wespen, zwei Gesichter unterschiedlicher Raupen (Raupen stehen auf dem Speiseplan der Papierwespe) oder einfach zwei unterschiedliche geometrische Muster. Die Wespen wurden mit Hilfe einer Belohnung auf die korrekte Unterscheidung der Bilder trainiert. Am leichtesten lernten die Papierwespen es,  die  dargebotenen Wespengesichter zu unterscheiden. Dieser Befund spricht dafür, daß die Fähigkeiten zur Erkennung von Gesichtern und von Mustern bei den Wespen in unterschiedlichen Gehirnregionen sitzen, so wie beim Menschen auch! 
 
Wie bei allen Papierwespen wird das Nest aus aus mit Speichel vermischtem, zerkauten Holz gebaut, woraus eine Art Papier entsteht. Quelle:  Michael Sheehan, University of Michigan
 
Die Wissenschaftler studierten aber auch das natürliche Verhalten der nordamerikanischen Papierwespen, die im Gegensatz zu anderen sozial lebenden Insekten in Staaten mit mehreren Königinnen leben. Dabei stellten sie u.a. fest: Wespen, die einander kennen, gehen friedlich miteinander um, auch dann wenn sie von verschiedenen Königinnen abstammen! Es gibt soziale Hierarchien, die das Zusammenleben im Staat zusätzlich stabilisieren.  Einzelne Wespen erinnern sich langfristig (nachgewiesen bisher für mindestens 1 Woche) an vergangene persönliche Begegnungen und richten ihr zukünftiges Verhalten gegenüber diesen Individuen entsprechend den jeweils gemachten Erfahrungen aus.
Die Gesichter verschiedener nordamerikanischer Papierwespen lassen sich auch für Menschen gut unterscheiden. Quelle: Michael Sheehan, University of Michigan 
 
Vor allem der Umstand , daß es bei der nordamerikanischen Papierwespe in einem Staat mehrere Königinnen gibt, begünstigte wahrscheinlich die Herausbildung der so außergewöhnlichen Fähigkeit zur Gesichtererkennung, welche anderen staatenbildenden Wespen mit nur einer Königin – die sehr wohl in der Lage sind geometrische Muster zu unterscheiden – nach allen bisherigen Untersuchungen zu fehlen scheint.
 
Jens Christian Heuer
 

 

 Dinner for One

Im Jahre 1976 veröffentlichte der US-amerikanische Psychologieprofessor Julian Jaynes (1920-1997) ein Buch mit einem kompliziert klingenden Titel (The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind, deutsch: Der Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch  der Bikameralen  Psyche) und einer faszinierenden Theorie über die Ursprünge des menschlichen Bewußtseins. Danach ist das Bewußtsein, so wie wir es kennen, noch eine relativ neue, kulturelle  Errungenschaft des Menschen und nicht das Ergebnis einer allmählichen Höherentwicklung des Gehirns seiner Vorfahren im Rahmen der Darwinschen Evolution, wie allgemein angenommen! Bewußtsein gibt es nach Jaynes nur durch die Sprache. Diese besteht wiederum vor allem aus Metaphern, also bildhaften Ausdrücken. Unbekanntes wird mit einer Metapher entsprechend seiner Ähnlichkeit mit schon Bekanntem benannt. Die Begriffsbildung erfasst immer Gegenstände der Umgebung, schreitet dabei aber auch vom konkreten Gegenstand zum abstrakten Gegenstand fort. Das Bewußtsen beginnt in dem Moment wo die Metaphern einen inneren geistigen Erlebnisraum bilden, ein Modell der äußeren Umwelt und der eigenen Person. In diesem Erlebnisraum kann man sich frei bewegen, in die Vergangenheit (bewußte Erinnerung) und in die Zukunft (Durchspielen möglicher Handlungsalternativen, planerisches Denken).

Quelle: Julian Jaynes Society (verändert)

Noch vor 3 bis 4000 Jahren konnten die Menschen zwar genauso fühlen, lernen und denken wie heute, aber  alles geschah unbewußt. Die Menschen hatten kein Selbstbewußtsein, so wie wir es heute kennen! Das erscheint erst einmal unvorstellbar und doch sprechen viele historische Befunde dafür.

In alten Texten aus dieser Zeit, zum Beispiel der Illias, der Dichtung über den Trojanischen Krieg, findet man keine Menschen, die eigene  Empfindungen ausdrücken, selbstständig Ideen entwickeln, ihre eigenen  Entscheidungen fällen und vorher bewußt darüber nachdenken. Kurz gesagt, es fehlt sehr viel von dem, was gemeinhin die Persönlichkeit eines Menschen von heute ausmacht. Stattdessen wirken die Menschen seltsam fremdbestimmt. Was immer sie zu tun und zu lassen haben, das sagen ihnen die Götter, im täglichen Leben, vor allem aber dann, wenn etwas Unerwartetes passiert, wenn es untereinander Konflikte gibt und irgendwelche persönlichen Entscheidungen anstehen. In solchen Situationen, die immer mit einem gewissen Streß verbunden sind, sprechen die Götter zu den Menschen und manchmal erscheinen sie auch vor ihren Augen. Und was die Götter sagen, das wird ohne zu zögern befolgt. Zweifel oder gar Ungehorsam, das ist praktisch undenkbar.

In der Illias erscheint den handelnden Personen (fast) immer einer der Götter, wenn es eine brenzlige Situation gibt. Ein Beispiel: Während der Belagerung Trojas unternehmen die Griechen immer wieder ausgedehnte Beutezüge in das Hinterland der Stadt. Dabei erbeutet Agamemnon, der Heerführer der   Griechen Chryseis, die Tochter  eines Priesters des Gottes Apollon. Der erzürnte Gott fordert sie von Agamemnon zurück. Dieser will  Ersatz und holt sich einfach  Briseis, die Liebligssklavin des Fürsten Achilles aus dessen Zelt.  Dieser will das nicht hinnehmen, erzürnt heftig und macht Anstalten Agamemnon zu töten. In diesem Moment erscheint ihm die Göttin Athene – nur Achilles kann sie sehen und hören –  und hält ihn davon ab. Abbildung: Reclam-Ausgabe der Illias von Homer, Übersetzung Roland Hampe (1979), Seiten 8 und 9.

Die Menschen hatten eine Bikamerale Psyche, wie Jaynes das nennt. Ihr Geist war zweigeteilt. Die Götter hatten ihren Sitz in der rechten Hirnhälfte genau gegenüber der Wernicke-Region, die zu den Sprachzentren in der linken Gehirnhälfte gehört. Ihre Botschaften und Befehle schickten sie in Form von akustischen (Stimmen), manchmal auch visuellen (Erscheinungen)Halluzinationen über eine der Komissurenbahnen (Comissura anterior zwischen den Temporallappen), welche die beiden Hirnhälften verbinden. Diese Halluzinationen waren für die bikameralem Menschen vollkommen real, denn sie konnten nicht zwischen äußeren und inneren Wahrnehmungen unterscheiden. Auf beide reagierten sie gleichermaßen.

Bikamerale Menschen hatten keinen eigenen Willen in unserem Sinne. Ihr Tun wurde stattdessen durch halluzinierte Götter gelenkt, die ihren Ursprung in der rechten Gehirnhälfte hatten. Quelle: Modelle des Menschen, Beltz-Verlag (1981)

Die Götter entstanden aus einer Verschmelzung von Erinnerungen an Eltern, Erzieher und ranghöhere Personen, egal ob diese noch lebten oder bereits verstorben waren. In allen wichtigen und kritischen Situationen, bei Gefahren, bei Konflikten untereinander, aber auch wenn es um Planungs- und Organisationsfragen ging, also immer wenn es um Entscheidungen ging, dann meldeten sich die Götter aus der rechten Gehirnhälfte und halfen weiter.

Die direkte Vorstufe aller Religionen und ihrer Götter war der Ahnenkult. Die Verehrung galt den Geistern verstorbener Mitglieder der Familie (Eltern, Großeltern) und wichtigen, höhergestellten Persönlichkeiten des Stammes (Häuptlinge und Medizinmänner) und als später die (Stadt)staaten aufkamen, den Königen und Priestern. Die Geister der verstorbenen Ahnen wurden dann im Laufe der Zeit zu Göttern.  Als Unterstützung der Erinnerung und als Auslöser von Halluzinationen dienten Bildnisse und Statuen.

Die Bikamerale Psyche kam durch eine Veränderung in der Gehirnorganisation des Menschen zustande und war eine Antwort auf die Probleme infolge des Zusammenschlusses familiärer Kleingruppen zu größeren Gruppen. Zunächst waren das  Stämme, später dann Städte und Staaten, welche so groß waren, daß sich die Individuen bei weitem nicht mehr alle persönlich kannten. Deshalb reichten die Einflußmöglichkeiten der Anführer über den rein persönlichen Kontakt nicht mehr aus. Die Führung und Koordination der Gruppe und die Beilegung von Streitigkeiten untereinander übernahmen von nun an die Götter in der rechten Gehirnhälfte eines jeden Menschen.

Codex Hammurabi: Der assyrische König Hammurabi (links) empfängt die Gesetze von einem Gott.  Der um 1700 v.Chr. vefasste Codex ist eine der ältesten Gesetzeswerke der Menschheitsgeschichte. Die Menschen haben zu dieser Zeit eine bikamerale Psyche. Sie halluzinieren Götter, die alle Entscheidungen für sie treffen und so das gesamte gesellschaftliche Leben lenken. Die Götter sprechen zu dem Menschen (akustische Halluzinationen) und gelegentlich zeigen sie sich ihnen auch (visuelle Halluzinationen).  Quelle: Wikipedia.

Das menschliche Bewußtsein im modernen Sinne entstand erst vor rund 3000 Jahren  als Folge großer Völkerwanderungen. Dabei trafen Menschen aus unterschiedlichen bikameralen Gesellschaften aufeinander, jeder mit seinen eigenen Göttern. Auslöser für die Völkerwanderungen war vor allem der verheerende Vulkanausbruch auf der Insel Santorin im Mittelmeer um 1400 v. Chr, der die ganze Insel sprengte und einen gewaltigen Tsunami auslöste. Santorin war neben Kreta eines der beiden Zentren der das östliche Mittelmeer beherrschenden, hochentwickelten Minoischen Kultur, deren Schicksal damit besiegelt war. Die Auswirkungen der Katastrophe gingen aber weit darüber hinaus. Die Vulkanasche verdunkelte überall den Himmel. Es wurde über Jahre deutlich kälter, es gab Mißernten und Hungersnöte. Der Tsunami zerstörte weite Küstenabschnitte des Mittelmeeres. Die überlebenden Menschen verliessen ihre zerstörten Städte auf der verzweifelten Suche nach einer neuen Heimat. Die Götter waren mit diesem  allgemeinen Chaos, in dem Menschen unterschiedlicher bikameraler Gesellschaften (mit jeweils verschiedenen Göttern!) durcheinandergewürfelt wurden  völlig überfordert. Den Göttern verschlug es die Sprache! Die Bikamerale Psyche brach zusammen und machte dem Bewußtsein  Platz! Die lange nach der Illias verfasste Odyssee handelt von diesen neuen bewußten Menschen, vor allem in der Person des listenreichen, pläneschmiedenen, alle seine Entscheidungen selbst fällenden Odysseus.   

500 Jahre später: Der assyrische König Tukulti-Ninurta nähert sich dem göttlichen Thron. Doch der ist leer. Die Götter schweigen. Die bikamerale Psyche des Menschen ist zusammengebrochen.  Das Bewußtsein ist erwacht. Quelle: http://www.historywiz.com/

Überall gibt es kulturelle Zeugnisse dieses Übergangs, zum Beispiel bei den Assyrern. Der berühmte König  Hammurabi (um 1700 v.Chr.) war noch bikameral. Seine berühmten Gesetzestafeln, der Codex Hammurabi nahm er  direkt von einem Gott entgegen. Sie waren nicht sein Werk. 500 Jahre später war der assyrische König Tukulti-Ninurta ganz allein auf sich gestellt. Der Thron des Gottes war leer als er sich ihm näherte. Er mußte sich auf seine neuerworbene Fähigkeit des bewußten Denkens verlassen.

Der Schritt vom bikameralen zum bewußten Geist und persönlicher Freiheit war groß. Den plötzlich ihrer Selbst bewußten Menschen fehlte die so vertraute Gegenwart der Götter, die ihnen immer gesagt hatten, was zu tun war. Viele Menschen fühlten sich oft hilflos und verlassen und versuchten zu verstehen, warum es so gekommen war. Hatten sie  ihre Götter irgendwie verärgert, ihnen nicht immer gehorcht? Gedanken wie sie auch Kinder haben, die von ihren Eltern verlassen wurden oder das zumindest fürchten müssen. Verzweifelt versuchte man die Götter mit Gebeten, Opfergaben und Unterwerfung gegenüber günstig zu stimmen. Darum drehen sich (fast) alle Religionen bis heute und das ist auch der Grund dafür, warum sie  eine oft geradezu verhängnisvolle Gehorsamsbereitschaft befördern. Durch spezielle Techniken der inneren Versenkung, welche die bewußte Wahrnehmung abschwächen, manchmal auch direkt durch berauschende Drogen versuchten die Menschen die Götter wieder zum Sprechen zu bewegen.  Mit einiger Übung gelang das auch manchmal. Auch in Träumen erschienen die Götter. Einige Auserwählte hatten auch noch ab und zu spontane Halluzinationen. Sie berichteten den anderen Menschen von ihren Begegnungen mit den Göttern und dem was diese den Menschen zu sagen hatten und galten fortan als Propheten. Ihre schriftlichen Zeugnisse  findet man in den Heiligen Büchern der Religionen.

Mohammed, der berühmteste aller Propheten, empfing durch den Engel Gabriel Offenbarungen direkt vom Gott Allah und begründete später mit dem Islam die jüngste der großen Weltreligionen. (Abbildung aus einer persischen Chronik von 1307). Erlebte Mohammed eine episodische Wiederkehr der Bikameralen Psyche!? Quelle: Wikipedia

Auch jenseits der klassischen Religionen gibt es ein Wiederaufleben der untergegangenen Bikamerale Psyche, zum Beispiel bei Kindern. Diese haben häufig sogenannte Fantasiefreunde. Diese existieren nur in der Gedankenwelt des Kindes, erscheinen ihm aber sehr real. Das können Kinder wie sie sein, Tiere, Geister oder irgendwelche anderen Figuren. Fantasiefreunde begleiten das Kind oft über Jahre und helfen ihm, indem sie Mut machen,  Trost spenden, bei Entscheidungen beraten, als Beschützer auftreten oder einfach mit Reden und Spielen die Langeweile vertreiben. Sie haben damit die Eigenschaften eines freundlichen Gottes!

Neuere Befunde aus der Gehirnforschung stützen ebenfalls die Theorie von Jaynes. Dieser hatte immer wieder darauf hingewiesen, daß der Geist Schizophrener dem der bikameralen Menschen sehr stark ähnelt. Werden Schizophrene nicht mit antipsychotisch wirksamen Neuroleptika behandelt, so erleben sie in Streßsituationen Halluzinationen wie seinerzeit der bikamerale Mensch. Bei akustischen Halluzinationen konnte nachgewiesen werden, daß zunächst der rechte Temporallappen (der Sitz der Götter im bikameralen Geist!) aktiviert wird und erst danach der linke Temporallappen (Activation of bilateral auditory cortex during verbal hallucinations in a child with schizophrenia, R. Jardri, D. Pins, C. Delmaire, J-L Goeb and P.Thomas, Molecular Psychiatry 2007)!  Genau das hatte Julian Jaynes schon vor über 30 Jahren vorhergesagt.

Jens Christian Heuer

Quelle: Der Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche, Julian Jaynes. Rowohlt 1988 (auch online unter dem Titel Der Ursprung des Bewußtseins); Homer Illias, RECLAM (1979)

Als der englische Biologe Charles Darwin 1859 seine Untersuchung „Über den Ursprung der Arten“ durch natürliche Zuchtwahl (Evolutionstheorie) veröffentlichte und die daraus gewonnenen Beobachtungen 1871 auf die Menschen übertrug, nahm das Unheil seinen Lauf.

Rasch verbreitete sich der Evolutionsgedanke, nahm Europa in seinen Bann und schwappte später auch auf den Balkan über. Als zahlreiche Persönlichkeiten, unter anderem der französische Schriftsteller Joseph Arthur Graf von Gobineau (1816-1883), diesen Gedanken aufgriffen und den aus der Tier- und Pflanzenzucht bekannten Begriff der Rasse nun auch auf Menschen übertrugen, wurde der Fremde plötzlich zum Feind.

Charles Darwin (1809-1882): Seine  Theorie der Evolution durch natürliche Zuchtwahl (Selektion) wurde leider immer wieder politisch mißbraucht. Quelle: Wikipedia

In seinem Buch, „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ (4 Bände 1853-59), kommt Graf von Gobineau zu der Überzeugung, dass sich Menschen bestimmter Sprachgruppen nicht nur aufgrund ihrer äußeren Merkmalen, wie Haut-, Augen- und Haarfarbe unterscheiden, sondern auch im Charakter und Fähigkeiten verschieden seien und dass diese auch noch vererbbar seien. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass die „arische Rasse“ anderen Rassen körperlich, geistig und moralisch überlegen sei. Der Sozialdarwinismus mit seinem Prinzip „survival of the fittest“, sowie das Gefühl der eigenen Überlegenheit und damit verbunden die Geringschätzung als auch die Ablehnung des Fremden, des Anderen ergriffen jetzt auch weitere gesellschaftliche Bereiche. Mit fatalen Folgen, bis heute.

Zeitgleich zum Sozialdarwinismus erlebte auch die westliche Musik tief greifende Veränderungen. Ließen sich große Musiker wie Franz Joseph Haydn (1732-1809), Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) oder Ludwig van Beethoven (1770-1827) noch von fremden Tönen inspirieren, beschloss man – aufgrund des Wunsches nach dem gleichen Hörgenuss – 1788 in Paris den Kammerton „a“ auf 409 Hz festzulegen. Bis zu dieser Regelung waren Kompositionen „alla turca“ eigentlich sehr modern und auch sonst herrschte rege Vielfalt in der westlichen Musikwelt. So war die Stimmhöhe der westlichen Musik, von Ort, Region, Art der Musik und dem Musiker sehr individuell und unterschiedlich, doch im 19. Jahrhundert fiel diese musikalische Individualität dem Wunsch nach Gleichklang zum Opfer. Also wurde der Kammerton „a“, nach dem sich das Orchestra einstimmt, 1858 durch die französische Akademie per Gesetz auf 435 Hz festgelegt. Ab diesem Zeitpunkt herrschte nicht nur in Frankreich, sondern auch in den Nachbarstaaten die „Pariser Stimmung,“ die allerdings im Jahr 1939 beendet und europaweit auf 440 Hz standardisiert wurde. Europa hatte nun einen neuen gemeinsamen Ton.

Mit diesen 440 Hz kommen die Menschen aus dem türkischen Kulturraum nicht in Stimmung. Sie bevorzugen andere Töne. Die klassisch türkische Musik richtet sich auch nicht nach dem „temperierten Klavier“ und teilt keinen Ganzton in Halbtonschritte ein, sondern in Neunteltonschritte. Auch kennt sie kein Dur und Moll, sondern vierer und fünfer Tonketten und auf Grund dieser Tonschritte kennt sie über 400 Makame (Module). Zugegeben für mitteleuropäische Ohren, die an das temperierte Klavier gewöhnt sind, klingt klassisch türkische Musik oft fremd oder falsch und für manche als Katzengejammer und es wundert daher nicht, wenn der Musiker Daniel Speer (1636-1707) konstatierte, die türkische Musik sei „absurd … in Instrumenten und Thon“, „gantz unordentlich bestellt“ und ohne jede „Lieblichkeit“.

Aber so sind nun mal die Hörgewohnheiten, individuell verschieden und immer von der jeweiligen Kultur geprägt. Und das lässt sich sogar in Hirnaktivitäten nachweisen. Gefällt uns ein Musikstück, sind Teile des Stirnlappens und des Schläfenlappens in der linken Gehirnhälfte aktiv, Dissonante Musik hingegen aktivierte die rechte Gehirnhälfte. Wenn europäische Ohren türkische Musik hören, dürfte folglich bei vielen die rechte Gehirnhälfte „vibrieren.“

Die Homogenisierung der Musik im 19. Jahrhundert hat abendländische Ohren für die morgenländische Musik untauglich gemacht. Fremde Töne werden nicht wahrgenommen oder als störend empfunden. Zur türkischen Musik und europäische Ohren konstatiert Dr. Martin Greve vom Konservatorium Rotterdam: „Die Unterschiede zwischen ihnen sind jedoch oft so fein, dass ein europäisch, an mehrstimmiger Musik geschultes Ohr eine Modulation oft überhaupt nicht bemerkt.“

Wie heißt es so schön? Der Ton macht die Musik, aber es gibt Hoffnung. Trotz unserer unterschiedlich angepassten Ohren und kulturell bedingten verschiedenen Hörgewohnheiten, können wir uns auf fremde Töne einstimmen. Eckart Altenmüller, Prof. für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, konnte mit seiner groß angelegten Studie nachweisen, dass Musik nicht nur in unterschiedlichen Hirnregionen verarbeitet wird, sondern dass die Hirnaktivität durch die Musik „beträchtlich“ veränderbar ist.

Auch wir müssen in der Integrationsdebatte unsere Hörgewohnheiten ändern, wenn wir denn endlich etwas Neues hören wollen. Kein Mensch erträgt permanent die gleiche Leier. Vielleicht können wir die Dissonanz im interkulturellen Dialog überwinden, indem wir unsere Ohren neu temperieren und uns auf den Anderen einstimmen? Bedingung ist allerdings, dass wir zeitweise vertraute Notenblätter und das eigene fertige Repertoire verlassen. Gut möglich, dass es Einheimischen und Einwanderern gelingt, etwas Neues, etwas Gemeinsames, etwas zuvor noch nie „Gehörtes“ zu improvisieren. Vorausgesetzt, wir lassen uns von „fremden“ Tönen nicht abschrecken, sondern inspirieren.

Mit der Sprache hat es nicht geklappt, denn obgleich wir die deutsche Sprache sprechen, ist die Integrationsdebatte geprägt von Misstönen. Versuchen wir es mit Musik. Wir müssen nur noch einen gemeinsamen Ton treffen. Und damit es keine Arie wird, könnten wir uns vielleicht an den alten Osmanen orientieren, deren multiethnische Tradition auf der Einheit der Vielfalt beruht.

Dafür ist Musik ist ein geeignetes Medium, es hat etwas Göttliches. „Müzik Allah’ın dilidir,“ Musik ist die Sprache Gottes sagte einst der sufische Dichter Mevlana. Vermutlich werden Einheimische und Einwanderer keine Oper gegen Rassismus komponieren können, aber wie wäre es mit einem Paukenschlag?

Zerrin Konyalıoğlu

Foto von Seren Basogul und Burcu Bozkurt

Die Autorin ist in Istanbul geboren und lebt heute in Hamburg. Sie ist  Turkologin und Linguistin und hat ein vielversprechendes Konzept zur Sprachförderung türkischer Schüler in Deutschland entwickelt, das auf der Kenntnis der Muttersprache aufbaut. Ihr Buch Deutsch als Zweitsprache – Türkische Schüler systematisch fördern erschien im Persen-Verlag. Dieser Beitrag erschien auch im MIGAZIN.

Lloyd de Mause (geb. 1931) Quelle: Wikipedia

Schon bei intelligenten Tieren bestimmen die Kindheitserfahrungen Charakter und Verhalten. Das konnte der  Verhaltensforscher Darius Maestripieri an der Universität von Chicago in einem besonders eindrucksvollen Experiment beweisen (Dario Maestripieri: „Early experience affects the intergenerational transmission of infant abuse in rhesus monkeys“; http://www.pnas.org/). Der Wissenschaftler untersuchte bei Rhesusaffen inwieweit und wieso in manchen Affenfamilien Gewalt herrscht und von Generation zu Generation weitergegeben wird in anderen aber nicht. Rhesusaffen-Mütter in gewalttätigen Familien mißhandeln ihre Kinder während der ersten Lebensmonate. Sie beißen und schlagen sie, zerren sie grob am Schwanz oder an einem Bein und werfen sie durch die Luft, als Bestrafung oder einfach nur so. Maestripieri wollte nun wissen, ob dieses Verhalten in den gewalttätigen Affenfamilien weitervererbt oder in der Kindheit jeweils neu erlernt und so von Generation zu Generation weitergegeben wird. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf den Menschen ziehen, wo es ja auch Familien mit und ohne eine Tradition der Gewalttätigkeit gibt. Um diese Frage zu klären, nahmen sie neugeborene Affenbabys ihren Müttern weg und ließen sie von Adoptivmüttern großziehen. Kinder friedlicher Mütter kamen zu gewalttätigen Adoptivmüttern und Kinder gewalttätiger Mütter zu friedlichen Adoptivmüttern. Deutlich über die Hälfte aller Kinder friedlicher Mütter, die bei gewalttätigen Müttern aufwuchsen, mißhandelten später ihre eigenen Kinder. Eine beachtliche Minderheit tat das aber nicht, trotz der in ihrer Kindheit erfahrenen Mißhandlungen! Von den Kindern gewalttätiger Mütter, die bei friedlichen Adoptivmüttern groß wurden, mißhandelte jedoch kein einziges als erwachsenes Tier seine Kinder! Gewalttätiges Verhalten wird also nicht  vererbt, sondern in der Kindheit erlernt! Warum mißhandelten aber nicht alle Rhesusaffen mit schlechten Kindheitserfahrungen später ihre eigenen Kinder? Übernahmen sie vielleicht nicht einfach nur das Verhalten ihrer gewalttätigen Mütter, sondern lernten stattdessen dazu und machten es dann später besser? Maestripieri hat bisher keine Antwort auf diese interessante Frage gefunden, eine Frage die sich natürlich auch im Falle der Weitergabe von Gewalt in menschlichen Familien stellt.

Eltern und Kinder

Lloyd de Mauses psychogenetische Theorie der Geschichte gibt womöglich die Antwort: Jeder Mensch durchlebt seine Kindheitserfahrungen zweimal, einmal als Kind und dann als Erwachsener mit seinen eigenen Kindern. Dieses zweite Wiedererleben der Kindheit eröffnet die Möglichkeit, als  Erwachsener die eigenen Ängste und Probleme beim zweiten Versuch besser zu bewältigen, sich also in seine eigenen Kinder hineinzuversetzen und  dazuzulernen.  Dann kann er seine eigenen Kinder  besser behandeln als er selber in seiner Kindheit behandelt wurde. Dieser persönliche Wandel wird zum gesellschaftlichen Wandel, wenn das ausreichend vielen Erwachsenen gelingt!

Erwachsene können auf drei verschiedene Art und Weisen auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren:

1. Projektive Reaktion: Die in der Kindheit verwehrten Wünsche werden in den Ansprüchen der eigenen Kinder (unbewußt) wiedererkannt. Wenn die Eltern diese Wünsche übergangen,  harsch abgelehnt oder sie sogar bestraft haben, dann sind diee Wünsche aus der Kindheit mit Angst und Schuldgefühlen besetzt. Als Kind verdrängt sie  daher sehr oft ins Unbewußte. Im Zusammensein mit den eigenen Kindern werden die verdrängten Ängste  wieder wach, was erhebliches Unbehagen bereitet. Die Ängste werden abgewehrt, indem sich der Erwachsene gegenüber den eigenen Kindern ebenso verhält, wie er es damals von seinen Eltern erfahren hat. Er identifiziert sich mit dem früher als falsch empfundenen Verhalten der Eltern, er unterwirft sich einem verinnerlichten Eltern-Ich. Dabei geht ein ganz erhebliches Stück an persönlicher Ich-Stärke verloren. Bei dieser Reaktion geht es letztendlich mehr um den Erwachsenen selbst als um sein Kind. Der Erwachsene erkennt in seinem Kind die verbotenen Wünsche aus der eigenen Kindheit wieder und bekämpft sie dann im Auftrag seines Eltern-Ichs (Projektion). Die wirklichen Bedürfnisse des eigenen Kindes bleiben dabei außen vor. Gelingt es dem Erwachsenen jedoch, sich ein Stück weit in sein Kind einzufühlen, so kann er die eigenen Projektionen zurückdrängen und seinem Kind etwas mehr zugestehen, als das früher seine Eltern ihm gegenüber getan haben.

Die Projektion wirkt auch über die Eltern-Kind-Beziehungen hinaus bis in die Politik. Wem als Kind von den Eltern nur wenige Ansprüche und Wünsche zugestanden wurden, der wird sich als Erwachsener wahrscheinlich über das „Anspruchsdenken“ der Armen empören und (beinahe) jede soziale Unterstützung als zu hoch empfinden. In der Bedürftigkeit der Armen erkennt er sich selbst als bedürftiges Kind wieder, und die Projektion wird sofort wirksam. Wie es das verimnnerlichte, strenge Eltern-Ich vorschreibt, werden die Ansprüche der Armen abgelehnt. Aber das ist noch nicht alles: Geht es Menschen, die streng erzogen wurden wirtschaftlich “zu gut“, so entwickeln sie Schuldgefühle und beginnen unbewußt den eigenen Erfolg zu sabotieren. Auf gesellschaftlicher Ebene ist ein solches Verhalten womöglich sogar ´der Auslöser von Wirtschaftskrisen. Bei durch ihre Kindheit entsprechend disponierten Personen kann durch vom Unbewußten „gewollte“ Fehlentscheidungen (Fehlinvestitionen von Unternehmern, Fehlspekulationen an der Börse oder von Seiten der Regierung ein übertriebenes Zurückfahren staatlicher Investitionen) ein wirtschaftlicher  Aufschwung, der zu Wohlstand aber auch Schuldgefühlen führt (Eltern-Ich: „Es geht mir zu gut, dafür muß ich mich bestrafen!“) gestoppt und in eine Rezession überführt werden. Diese Rezession, durch die es allen schlechter geht, hilft dabei, die Schuldgefühle wieder  abzubauen. Hinterher „erlaubt“ das Eltern-Ich wieder einen wirtschaftlichen Aufschwung und das ganze Spiel kann wieder von vorne losgehen. Lloyd de Mause liefert mit diesem psychischen Mechanismus eine schlüssige Theorie der Konjunkturzyklen in der Wirtschaft.

2. Umkehr-Reaktion: Das Kind dient als Ersatzperson für eine wichtige Person aus der eigenen Kindheit. Der Erwachsene  erwartet von seinem Kind die Liebe und Zuneigung, welche er bei seinen eigenen Eltern früher so schmerzlich vermisst hat. Enttäuscht das eigene Kind diese letztlich unerfüllbaren Erwartungen, so wird es bestraft. Wenn ein Säugling durch sein Schreien der Mutter das Gefühl gibt, nicht geliebt zu werden, so wird er aus Enttäuschung geschlagen. Wieder geht es eigentlich nur um die Bedürfnisse des Erwachsenen und nicht um die Bedürfnisse des eigenen Kindes. Auch die Umkehr-Reaktion kann durch ein Hineinfühlen in das eigene Kind abgebaut werden. Projektion und Umkehr-Reaktion treten oft auch gemeinsam auf. Das Kind erscheint dann einerseits als schlecht, hat aber auch andererseits liebevoll zu sein.

3. Mitfühlende Reaktion (Empathie): Der Erwachsene kann sich in sein Kind einfühlen, seine Bedürnisse verstehen und sie soweit möglich zu erfüllen versuchen. Projektion und Umkehr-Reaktion entfallen. Der Erwachsene unterlässt es sein Kind zu bestrafen, entschuldigt sich wenn er es ungerecht behandelt hat und hilft ihm dabei ein selbstständiger Mensch zu werden. Kurz gesagt, der Erwachsene ist seinen Kindern ein Beschützer und Freund.

Untersuchungen von Lloyd de Mause, aber auch von anderen Wissenschaftlern belegen, daß es eine regelrechte Evolution in der Behandlung der Kinder durch ihre Eltern gegeben hat. Eltern und Kinder sind sich im Laufe der menschlichen Geschichte nach und nach menschlich immer näher gekommen. Die Eltern schafften es, sich immer mehr in die Bedürfnisse ihrer Kinder einzufühlen. Sie kümmerten sich besser um sie und straften sie weniger. Das war ein langer, mühsamer Prozeß, der in verschiedenen Ländern unterschiedlich schnell ablief und bei dem es auch immer wieder Rückschläge gab.

Praktiken der Kindererziehung

Lloyd de Mause unterscheidet 6 Formen der Kindererziehung, die nacheinander vorherrschend in ihrer jeweiligen Zeit waren. Daneben existierten aber auch immer auch noch ältere, rückständige Formen weiter. Die zeitlichen Angaben beziehen sich auf das westliche Europa, wo die Geschichte der Kindheit bisher am besten untersucht ist.

1. Kindesmord (Vorzeit bis Antike 4. Jahrhundert n.Chr.):

In der Antike war der Kindesmord leider eine alltägliche Praxis. Überzählige oder unerwünschte Kinder wurden regelmäßig getötet, indem man sie erschlug, erstickte, ertränkte oder in der Wildnis aussetzte. Bei den überlebenden Kindern, die das mitansehen mußten, hinterließen entsprechende Erlebnisse schwere seelische Verletzungen (Traumata). Um die eigenen, unerträglichen Ängste loszuwerden, identifizierten sich die meisten Kinder der damaligen Zeit mit dem Tun ihrer Eltern. Sie verinnerlichten ein kindesmörderisches Eltern-Ich. Immer dann, wenn die eigenen Kinder mit ihrer Hilflosigkeit die alten verdrängten Kindheitsängste wieder wachrief, trieb es sie als Erwachsene zum Kindesmord. Die Kinder, welche weiterleben durften wurden häufig schlecht behandel und oft geschlagen. Auch der der sexuelle Mißbrauch von Kindern war in der Antike weit verbreitet.

Die einzige rühmliche Ausnahme waren damals die Juden. Bei ihnen galten schon die Kinder als vollwertige Menschen! In ihrem heiligen Buch der Tora, das als die 5. Bücher Mose Eingang in die Bibel fand, war der Kindesmord ausdrücklich verboten. Das war schon etwas ganz Besonderes in einer Zeit, in der Kindesmord ein übliches Mittel der Familienplanung und, gesellschaftlich allgemein akzeptiert war!

2. Weggabe (Beginn 1., vorherrschend 4. – 13. Jahrhundert): Gegen Ende der Antike wurde unter dem Einfluß des Christentums, das ja direkt aus dem Judentum hervorgangen war, die Praxis des Kindesmordes in der Gesellschaft langsam zurückgedrängt. Nach wie vor waren die Projektionen der Erwachsenen aber sehr stark. Kinder galten von Geburt an als vom Bösen befallen. (Erbsünde). Die Strafen waren dementsprechend sehr hart (Auspeitschen, Stockschläge). Die Ängste, die Kinder bei ihren Eltern wachriefen wurden hauptsächlich durch Weggabe bewältigt. Die Kinder kamen zu Ammen, wurden in Klöster gegeben oder mußten als Diener in fremden Haushalten arbeiten. Gerade die Ammen vernachlässigten die ihnen „anvertrauten“ Kinder oft so sehr, daß viele an Mangelernährung und Krankheiten infolge schlechter Pflege starben. In solchen Fällen ersetzte also lediglich der mittelbare den unmittelbaren Kindesmord.

Daneben erlebten die Kinder nach wie vor häufig sexuellen Mißbrauch (Umkehr-Reaktion).

Trotz alledem, für die Kinder welche überlebten, war Verlassenwerden und Vernachlässigung immerhin nicht ganz so schlimm, wie mitansehen zu müssen, wenn die eigenen Geschwister oder andere Mitkinder ermordet werden. Es blieb den Kindern die verzweifelte Hoffnung auf elterliche Liebe. Wenn man sie keine Ansprüche stellten, würde ihr armseliges Dasein vielleicht irgendwann doch das Mitleid der Eltern erregen. Später, als Erwachsene, waren sie von Verlassenheitsängsten beherrscht. Die Hoffnung auf Liebe richtete sich nun, stellvertretend für die eigenen Eltern, vor auf  Gott als Vater und auf die Jungfrau Maria als Mutter. Durch eine asketische, selbstbestrafende Lebensweise suchten sie nach Vergebung ihrer Sünden. („Erlösung vom Bösen“). Das Vorbild war Jesus, der gekreuzigte Sohn Gottes, der mit seinem Leiden die Menschheit erlöst hatte. Das weltliche Gegenstück zu Gott waren Könige, Fürsten und Bischöfe, bei denen man Halt und Schutz suchte. Daraus bezog das Gesellschaftssystem des Feudalismus seine Stabilität.

Kindheit in vergangenen Zeiten Quelle: Lloyd de Mause (http://www.psychohistory.com/)

3. Ambivalenz (Zwiespältigkeit; Beginn 12., vorherrschend 13.-17. Jahrhundert): Im späten Mittelalter entwickelten die Eltern mehr Gefühle für ihre Kinder. Aber ihre sehr starken Projektionen brachten sie dazu, gleichzeitig immer noch das vermeintlich Böse im Kinde zu bekämpfen. Durch das Wickeln machte man die Kinder nach der Geburt über viele Monate nahezu bewegungsunfähig, da man befürchtete, sie würden sich ansonsten selbst verletzten. Nach dem Wickeln bekamen die Kinder dann Gängelbänder, Geradehalter und Korsetts oder wurden irgendwo festgebunden, um sie so unter Kontrolle zu halten. Durch Einläufe versuchte man das Böse und Unreine aus den Kindern herauszubekommen. Andererseits machte man sich Eltern aber erstmals auch Gedanken über die geistige und moralische Erziehung der Kinder. Die Hauptverantwortung dafür sahen sie nun bei sich selbst, daneben aber auch bei  den Schulen. Die ersten Erziehungsratgeber wurden geschrieben. Verprügelt wurde aber nach wie vor.

Als Folge ihrer Kindheit wiesen die Erwachsenen zumeist eine gespaltene Persönlichkeit auf. Sie waren emotional instabil und unterlagen plötzlichen Stimmungsschwankungen. Doch die etwas bessere Behandlung ließ auch mehr wirtschaftlichen Wohlstand zu, da die Schuldgefühle wegen „des einem zu gut gehens“ nicht mehr ganz so schnell einsetzten.

4. Intrusion (Aufdringlichkeit; Beginn 16., vorherrschend 17.-19. Jahrhundert): Am Beginn der Neuzeit kam es zu einem tiefgreifenden Wandel bei der Behandlung der Kinder. Die Projektionen nahmen ab, so daß sich die Eltern mehr auf ihre Kinder einlassen konnten: Die Weggabe kam langsam außer Mode. Stattdessen kümmerten sich vor allem die Mütter immer häufiger selbst um ihre Kinder. Diese wurden jetzt nicht nur ausreichend ernährt, sondern  vielfach auch nicht mehr gewickelt. Zusammen mit der in der Medizin neu aufkommenden Kinderheilkunde und einer verbesserten Hygiene führte das zu einem deutlichen Rückgang der Kindersterblichkeit. Mit Drohungen, Schuldgefühlen und Strafen versuchten die Eltern den Willen ihrer Kinder zu kontrollieren und sie zu absolutem Gehorsam zu erziehen. Als wichtig galten die Kontrolle der kindlichen Sexualität (Unterbindung kindlicher Masturbation, Trennung von Mädchen und Jungen in den Schulen) und die Reinlichkeitserziehung (Kontrolle der kindlichen Ausscheidungen, aber keine Einläufe mehr). Bei der Bestrafung nicht folgsamer Kinder wurde seltener und weniger brutal geschlagen, aber dafür wurden die Kinder stunden- , manchmal sogar tagelange in dunklen Räumen bei Wasser und Brot eingesperrt oder man schüchterte sie mit furchterregenden Fantasiegestalten („der schwarze Mann“) ein.

Die insgesamt deutlich verbesserte Behandlung in der Kindheit hinterließ bei den Erwachsenen weniger seeliche Wunden. Sie waren nun eher in der Lage sich ihren Ängsten “nicht geliebt zu werden“ zu stellen, anstatt ihnen wie vorher, durch unterwürfiges, selbstbestrafendes Verhalten immer nur auszuweichen. Das brachte einen Zugewinn an Selbstbewußtsein aber auch eine große Traurigkeit. Daher litten die Kinder der damaligen Zeit als Erwachsene oft unter Depressionen. Das größere Selbstbewußsein machte die großen Fortschritte der Renaissance hin zu mehr Freiheit möglich: Die Macht der Könige, des Adels und der Kirche wurden in Frage gestellt, Kunst und Wissenschaften lösten sich von den Fesseln der Religion, die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung (weniger Schuldgefühle bei mehr Wohlstand!) und es brach die Zeit der großen Entdeckungsreisen an. Ein interessantes Anschauungsbeispiel für den Übergang vom ambivalenten in den intrusiven Erziehungsstil bietet die Geschichte der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Es begann mit einer Auswanderungswelle von England nach Nordamerika. Es begann mit der Gründung der nordamerikanischen Kolonien Englands im 17. Jahrhundert. Unter den Auswanderern, hauptsächlich mittelständische Puritanerfamilien, waren viele innovative Eltern, die bereit waren neue, menschlichere Formen der Kindererziehung zu versuchen. Im Gegensatz zu den meisten Eltern in England praktizierten  sie bereits die intrusive Erziehungsform. In ihrer neuen Heimat Nordamerika fehlte der gesellschaftliche Druck, die traditionellen und rückständigeren Erziehungsmethoden beizubehalten. So wurde in der neuen Gesellschaft ein großer Sprung nach vorne möglich, weg von der ambivalenten, hin zu der intrusiven Erziehungsform. Schon wenige Generationen später, am Ende des 17. Jahrhunderts waren die Unterschiede sehr deutlich:  Im Gegensatz zu England und dem übrigen Europa kam in den nordamerikanischen Kolonien  Kindesmord kaum mehr vor. Das ist ablesbar an dem damals schon nahezu ausgeglichenen Verhältnis von Jungen und Mädchen, denn in Ländern, wo der Kindesmord praktiziert wurde, galten vor allem Mädchen als unerwünschte Kinder, so daß unter den Kindern stets die Jungen überwogen. Findelhäuser, in England und auch im übrigen Europa noch weit verbreitet, waren unnötig geworden, denn die Weggabe von Kindern gab es praktisch nicht mehr. Ebenso war es mit der Praxis des Wickelns. Sogar das Schlagen von Kindern durch die Eltern und in der Schule wurde schon prinzipiell in Frage gestellt. Besucher aus Europa beklagten sich über die „verderbten“und  “verwöhnten“ Kinder in Nordamerika, den “kleinen Haustyrannen“ ihrer Eltern.

England führt seine nordamerikanischen Kolonien am Gängelband (1777). Auf diese Weise wurden damals widerspenstige Kinder diszipliniert. Es handelt sich um eine sogenannte Gruppenfantasie, bei der Kindheitserfahrungen in der Politik wiederaufgeführt werden (s.u.). Quelle: Lloyd de Mause (http://www.lloyddemause.com/)

Am Ende des 18. Jahrhunderts (1783) erkämpften die nordamerikanischen Kolonien die Unabhängigkeit von England und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Der in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 proklamierte neue Staat war im Gegensatz zum monarchistisch-feudalen „Mutterland“ England eine Republik freier und gleicher Bürger!

5. Sozialisation (Anpassung; Beginn 18., vorherrschend 19. – 21. Jahrhundert): Diese Erziehungsform ist auch heute noch die häufigste. Durch einen starken Rückgang der Projektionen ist sehr viel Zuneigung zwischen Erwachsenen und Kindern möglich. Auch die Väter kümmern sich jetzt mehr um ihre Kinder. Bisher hatten immer die Mütter die Hauptrolle bei der Kindererziehung gespielt. Nicht mehr  der Gehorsam steht im Vordergrund, sondern die Anpassung des Kindes an die Gesellschaft und ihre Normen. Die Kinder sollen eine gute Ausbildung bekommen und ordentliche Umgangsformen erlernen, um später als Erwachsene erfolgreich zu sein. Körperliche Strafen sind obsolet. Die Eltern ermahnen ihre Kinder stattdessen nur noch („Das tut man nicht!“) und setzen sie wenn „nötig“ seelich unter Druck, oft durch die Erzeugung von Schuldgefühlen. „Erfolg“ und „richtiges Verhalten“ werden mit elterlicher Zuwendung belohnt, “Versagen“ oder „Fehlverhalten“ mit „Liebesentzug“ oder dem Entzug von „Privilegien“  (keine Süßigkeiten mehr, Fernsehverbot, „Hausarrest“) bestraft. Beide Elternteile spielen jetzt aber auch regelmäßig mit ihren Kindern, was in früheren Zeiten nur selten vorkam. Die relativ gute Behandlung in der Kindheit bringt relativ selbstbewußte Erwachsene hervor, mit weniger Schuldgefühlen wenn es ihnen gut geht. Das ermöglicht einen nie gekannten Wirtschaftsaufschwung in den Ländern, wo diese Erziehungsform vorherrschend ist. Berufliches Fortkommen und Erfolg sind für das Selbstwertgefühl entscheidend. Andererseits prägen aber häufig auch Versagenängste die Persönlichkeit, denn in der Kindheit hat man gelernt: Liebe muß man sich verdienen.

6. Unterstützung (Beginn Mitte 20. Jahrhundert, immer noch die Ausnahme): Keine Projektionen und Umkehrreaktionen mehr. Die Erwachsene bemühen sich um ein echtes Verständnis der Kinder. Diese wissen (von seltenen Ausnahmen abgesehen) besser als die Erwachsenen was gut für sie ist und was nicht. Keine Strafen und möglichst auch keine Disziplinarmaßnahmen mehr, sondern versuchen zu überzeugen. Die Erwachsenen helfen den Kindern ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu selbstständigen und freien Menschen zu werden. Statt ihre Kinder zu bevormunden, sind die Eltern Beschützer und Freunde. Demokratische Schule nach dem Prinzip Summerhill. Ergebnis dieser freien Erziehung sind willensstarke, freundliche Erwachsene.

Psychoklassen und Gruppenfantasien

Da es neben den fortschrittlichen, aber immer auch noch ältere, rückständigere Formen des Umgangs mit Kindern gab, teilte  sich menschliche Gesellschaften zu allen Zeiten und überall in sogenannte Psychoklassen. Diese sind nicht unbedingt identisch mit den ökonomischen Klassen. Die Angehörigen einer Psychoklasse teilen gemeinsame Gruppenfantasien, die sich aus ihren gemeinsamen Kindheitserfahrungen speisen und der Bewältigung der diesen entspringenden Ängste dient. Das geschieht durch Wiederaufführung dieser angstbesetzten Kindheitserfahrungen auf der politisch – gesellschaftlichen Ebene.

Die Evolution der 6 verschiedenen Erziehungsformen in Westeuropa und Nordamerika (1. Infanticidal = kindesmörderisch, 2. Abandoning = weggebend, 3. Ambivalent = zwiespältig, 4. Intrusive = aufdringlich, 5. Socializing = anpassend, 6. Helping = unterstützend). Der Umgang mit Kindern wurde mit der Zeit immer menschlicher! Mindestens seit der Spätantike existieren verschiedene Erziehungsformen nebeneinander und führen zur Herausbildung von sogenannten Psychoklassen. Quelle:  Lloyd de Mause (http://www.lloyddemause.com/)

Lloyd de Mause hat eine Methode gefunden, um solche Gruppenfantasien zu erkennen. In der sogenannten Fantasieanalyse werden Presseartikel, politische Ansprachen und Äußerungen, Radio- und Fernsehinterviews u.a.m. auf bestimmte Redewendungen hin durchsucht und diese aufgezeichnet. Dabei geht es um emotional gefärbte Worte und Satzteile, um Methaphern (Bildsprache), Familienbegriffe (Mutter, Vater, Kind, Baby) und verneinende Ausdrücke (die Verneinung wird weggelassen). Fügt man alles in der Reihenfolge wie es gefallen ist zusammen, so ergibt sich ein verborgener  Zusammenhang, ein unbewußter Gehalt. Dabei handelt es sich um die jeweils vorherrschenden Gruppenfantasien, weil man davon ausgehen kann, daß Politiker, Presse, Rundfunk- und Fernsehen die wechselnden Stimmungen in der Bevölkerung erspüren und aufgreifen.

Die politischen Strömungen und Parteien haben ihren Ursprung vor allem in den verschiedenen Psychoklassen. Je freundlicher die Kindheit der Menschen, umso liberaler und aufgeschlossener für gesellschaftlichen Fortschritt sind sie später als Erwachsene. Die politischen Konflikte verlaufen mehr entlang der Psychoklassen als der ökonomischen Klassen. Liberale und reaktionäre Perioden wechseln entsprechend der jeweiligen Kräfteverhältnisse unter den Psychoklassen einander ab.

Die Weiterentwicklung der Erziehungsstile und das Aufeinandertreffen verschiedener Psychoklassen, beides zusammen erzeugt die gesellschaftliche und politische Dynamik, die wir als Geschichte kennen.

Jens Christian Heuer

Quellen: Lloyd de Mause: 1) Hört ihr die Kinder weinen: Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit, Suhrkamp 1980 2) Was ist Psychohistorie?- Eine Grundlegung Psychosozial 2000 3)  Das emotionale Leben der Nationen, Drava 2005